Wappen des Kreises Elchniederung

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Die Kirche im Kreisort Heinrichswalde
Barachelen - ein vergessenes Dorf
Barachelen - a Forgotten Village

Das vergessene Dorf “Barachelen”
von Gabriele Bastemeyer. Quelle: Die Elchniederung, Heimatbrief Nr. 47 (2008), S. 20 - 24

Wer in den alten Kirchenbüchern von Heinrichswalde, die seit Kirchengründung im Jahre 1686 bis 1874 erhalten sind, nach seinen Vorfahren sucht, wird Ortsnamen begegnen, die er nie vorher gehört hat, wie Barachelen, Gassen oder Meteszer. Es sind Orte, die ihre Namen änderten, weil sie eingemeindet wurden oder weil sie, wie Meteszer, genauer zugeordnet wurden. Barachelen war die Heimat meiner Vorfahren. Es war ein Wiesengelände zwischen den Kirchspielen Heinrichswalde und Neukirch. In diesem Bereich gab es schon zu Herzog Albrechts Zeiten im 16. Jahrhundert einen Hof an einem See, der Rocken hieß. Dieses Gesinde musste nach wenigen Jahren weichen, weil es der herzoglichen Jagd im Weg stand. Der Große und Kleine Rocken waren Ausbuchtungen des Flusses Schalteik. Die Schalteik war früher ein bedeutender Nebenfluss der Memel und war zunächst 1581 anstatt der Gilge für den Kanalbau vorgesehen. Am hohen Ufer des Flusses standen 1612 noch viele große Eichen. Als die Schalteik aber um 1635 von der Memel abgetrennt wurde, verlor sie und mit ihr die Seen an Bedeutung. Die eigentliche Besiedlung dieser Gegend begann langsam um 1620. Damals hieß es noch “1 Hube Wiesenwuchs, Duhleit genannt” (19.2.1620 an Moritz Mertineit verliehen und 1692 von Christoff Melchior weiterverkauft an Christoff Westphal und Johann Kröhner) oder ”3 Huben am Bartscheitschen Landwege hinter Linkuhnen in unserem Amt Tilsit” (2.3.1646 an Peter GÜNTHER verliehen) und “2 Huben in unserer Tilsitschen Niederung Warrni genannt” (26.8.1669 an v. Kude). Das Külmerdorf Barachelen ist ein Stück meiner Familiengeschichte. Ich weiß nicht, wann der Ortsname entstand, vermutlich um 1700 oder bald danach. Aber es ist genau bekannt, wann der Name starb : “Durch Allerh. Erlass vom 1. Juni 1898 sind die Landgemeinden Warnie, Barachelen und Duhleit zu einem Gemeindebezirk unter dem Namen WARNIE genehmigt (Reg.-Verf.v.19.7.98)”. Der Name Warnie ist vermutlich ein alter Flurname, im Gegensatz zu Barachelen (laut der Baltistin Frau Dr. Blaziene,  Vilnius, wohl deutschen Ursprungs, derselbe Wortstamm wie Baracke). Im Kirchenbuch heißt es auch oft “€žan der Warnie”.  Warnie ist  altpreußisch (warne = Krähe). “Rabenhorst” sagte auch Herr Konrad Strahl zur Bedeutung des Ortsnamens Warnie. Auf einer alten Karte von 1679 ist der “See Warni” eingezeichnet. Der “Warniesche Teich” ist ebenfalls auf dem schönen “Urmesstischblatt” der Königlich Preußischen Landesaufnahme aus der Zeit um 1861 zu sehen. Dieser Teich wurde im 20. Jahrhundert auch “€žBullenteich”  genannt und von den Kindern wegen seiner Tiefe respektvoll gemieden. Der Ortsname Warnie bestand dann nur bis zum Jahre 1928. Damals wurde Warnie in Brittanien eingemeindet und gehörte somit nun nicht mehr zum Kirchspiel Heinrichswalde wie in alter Zeit, sondern zum Kirchspiel Neukirch.hb47-bastemeyer-01Die Familiennamen der Besitzer sind längst vergangen. Bis 1820 etwa bestanden 3 Höfe in Barachelen, einer davon nannte sich die Duhleitsche Hube und war im 18. Jahrhundert im Besitz der Familie Saß. Die beiden anderen Höfe gehörten von 1730 bis 1760 bzw. 1830 der Familie Greger und der Familie Beyer. In der Prästationstabelle 1 des Kreises Niederung, um 1817, finden wir zu den 3 Höfen oder kulmischen Gütern, wie sie sich damals noch nannten, genauere Angaben. Das Land war im 17. Jahrhundert vom Kurfürsten zu kulmischen Rechten an die Siedler verliehen worden. Das bedeutete besondere Rechte und Pflichten. Diese so genannten Köllmer, von denen es im Kreis Elchniederung besonders viele gab, waren stolz darauf, freie Bauern zu sein und ihr Land an Söhne und Töchter vererben zu dürfen. 1817 also finden sich in Barachelen Hof 1: Besitzer Witwe BEYER, vorher Friedrich Daniel Beyer. Privileg vom 2.3.1646 über 3 Huben Land an Peter GÜNTHER, jetzt 1 Hube 1 Morgen und 15 Ruthen kulmisch. Zu zahlende Zinsen: 22.45. Barachelen Hof 2: Bernhard SZONN, vorher Heinrich Stascheit. Privileg vom 26.8.1669 über 2 Huben an Elardus Eberhard von der Kude, jetzt 1 Hube 2 Morgen und 15 Ruthen kulmisch. Zu zahlende Zinsen: 37.45.Barachelen Hof 3: Daniel STASCHEIT, vorher Friedrich Mertens. Privileg vom 24.2.1701 über 1 Hube an Christoph Westphal, jetzt 1 Hube 1 Morgen 3 Ruthen kulmisch. Zu zahlende Zinsen: 16.45. Die Bezeichnung Hof 1 - 3 wurde von mir, zur besseren Unterscheidung, willkürlich gewählt. Unter dem Datum 27. April 1844 finden wir dann die Originalunterschriften der Hofbesitzer in der Ortschafts -Tabelle des Köllmer Dorfs Barachelen (Prästationstabelle Nr.29 Kreis Niederung): Behrendt, Stascheit, Wilhelm Kopp und Ephraim Lessing. Hof 1 gehört inzwischen dem kölmischen Gutsbesitzer von Barachelen Wilhelm Kopp, später unter dem Datum 13.1.1899, Eduard Stascheit und Richard Broszeit. Hof 2 gehört meinen Vorfahren Ephraim Lessing, vorher Bernhard Szonn, später unter dem Datum 25.8.1900 anscheinend Karl Reichert und Anna Aschakowsky geb.Rogoschat. Was aus dem Hof 3 wurde, ist mir unklar. Vielleicht wurden 2 Höfe zusammengelegt, einer ging ein oder wurde einem anderen Ort zugeordnet. Wie gerne hätte ich statt trockener Zahlen etwas mehr über das Leben und Treiben meiner Vorfahren in Barachelen gewusst. Aber leider haben sie nichts hinterlassen, keine Fotos, keinerlei Erinnerungen. Ich weiß nur, dass mein Vorfahre Bernhard Szonn (1758-1820) kölmischer Gutsbesitzer in Barachelen war. Praktisch war er ein kleiner Landwirt; 1 Hufe- früher Hube genannt entsprach 17 ha = 68 Morgen. Er starb dort in Barachelen am 4. August 1820. Er war in 1. Ehe mit Regina Charlotte Noetzel aus Wolfsdorf, in 2. Ehe mit Anna Sophia Palm aus Alt Bogdahnen verheiratet. Diese Anna Sophia Palm verheiratete dann ihren Sohn erster Ehe Ephraim Lessing (1791-1848) mit der Tochter ihres 2. Mannes Louise Sophie Szonn. So wurde mein Ur-Ur-Ur-Großvater Ephraim Lessing nach dem Todes seines Stiefvaters Bernhard Szonn Gutsbesitzer in Barachelen. Ephraim Lessing starb am 1.7.1848 in Barachelen. Von Wilhelm Kopp vom Hof Barachelen Nr. 1 erfahren wir aus den Kirchenbüchern, dass er mit Amalie Charlotte Kroehnert aus Köllmisch Linkuhnen verheiratet ist, dass sein zweijähriger Sohn Friedrich August am 29. März 1846 in Barachelen ertrinkt und am 3.April auf dem Kirchhof Heinrichswalde beerdigt wird. Im Jahr darauf sterben der 30jährige Wilhelm Kopp selbst und seine kleine Tochter Friederike Auguste an der Ruhr. Zu idyllisch dürfen wir uns das Leben unserer Vorfahren sicher nicht vorstellen. Es soll vor dem 2. Weltkrieg keine Höfe mehr im Bereich des früheren Barachelen gegeben haben, laut Auskunft von Herrn Günther Praetorius aus Oswald (Bartscheiten) nur noch große Felder und Wiesenflächen. Im früheren Warnie bestanden bis zuletzt die Höfe Strahl und Vongehr. Dort gab es im 1. Weltkrieg einen folgenschweren Gegenschlag russischer Soldaten, nachdem auf der Bartscheiter Brücke ein russischer Rittmeister von deutscher Landwehr getötet worden war. In den alten Akten im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem ist noch viel zu unseren Vorfahren zu entdecken, vor allem zu denen die Land besaßen, auch wenn es nur ein kleines Stückchen war. Große Güter gab es im Kreis Elchniederung ja kaum. Aber auch Unterlagen zu den vielen Menschen ohne Landbesitz, wie z.B. Handwerkern, Lehrern, Losleuten kann man für das 18. und teilweise 19. Jahrhundert in den Archiven finden, in den Mühlenlisten, denn jeder Haushaltsvorstand musste früher zwangsweise bei einer bestimmten Mühle mahlen lassen - und das wurde mit preußischer Genauigkeit festgehalten.

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