Wappen des Kreises Elchniederung

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Die Kirche im Kreisort Heinrichswalde
Geschichten ├╝ber Flucht und 
                            Vertreibung

Auf dieser Seite sollen in loser Reihenfolge Berichte ├╝ber Flucht und Vertreibung aus dem Kreis Elchniederung ver├Âffentlicht werden.

Wolfgang Klemens (Ansorge/Halberstadt) berichtet ├╝ber die Flucht anhand von Briefen.

Heinrich Salomom Hechtfang in Kuckerneese 1947

Kurt Paschkewitz Schulgeschichten aus Heinrichswalde

Werner Kallweit Onkel Otto (Kallweit) und sein bewegtes Leben

Heinrich Salomon Russischer Unterricht in Kuckerneese 1947

 

 

 

 

 

 

 

Briefe als Zeitzeugen der Flucht aus Ostpreu├čen
Familie Kurt und Eva Klemens mit den S├Âhnen von links: Ulrich, Wolfgang  (Autor) und Manfred Unsere Mutter Eva Klemens geb. H├Âllger ist nach dem Kirchspieltreffen in Bad Nenndorf (Mitte Okt. 2006), an dem sie noch emotional bewegt und mit gro├čem Interesse teilgenommen hatte, am 01.11.2006 gestorben. In ihrem Nachlass haben wir Unterlagen ├╝ber Haus, Hof, Wirtschaft und Familie gefunden, die sie wie ein Geheimnis h├╝tete, kaum einem zeigte und auch nie dar├╝ber sprach. Unter anderem waren auch einige Briefe dabei, die sie w├Ąhrend der ersten Wochen auf der Flucht von ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrer Cousine erhalten hatte. Als im Oktober 1944 deutsche Soldaten sich mit Panzern und schwerem Gesch├╝tz von der Ostfront kommend auf dem R├╝ckzug befanden, auf unserem Hof in Ansorge bei Kuckerneese, Elchniederung zwischenzeitlich Quartier bezogen, sagten sie:
            ÔÇ×Was macht ihr noch hier? Der Russe steht vor der T├╝r, ihr h├Ąttet schon l├Ąngst fort sein m├╝ssen.
                                                          Macht, dass ihr wegkommt!“
Die Rote Armee bereitete schon zu diesem Zeitpunkt hinter der Grenze in Litauen und Wei├črussland die Winteroffensive gegen K├Ânigsberg und Ostpreu├čen vor. Daraufhin lie├č unsere Mutter zwei Gespanne mit sieben Pferden zusammenstellen, die Wagen mit Hausrat, f├╝rs erste ausreichend Essen, Kleidung f├╝r uns Kinder im Alter von einem halben Jahr (Schwester) und drei bis 9 Jahre (4 Jungen) und Futter f├╝r die Pferde beladen. Wichtige Dokumente wurden in der Haferkiste versteckt. Haus, Hof, das Vieh und ca. 210 Morgen Acker- und Weideland hinter sich lassend, begann am 18. Okt., zuerst noch geordnet, eine ziellose Fahrt. Erst nach ca. 14 Tagen bekamen wir f├╝r eine l├Ąngere Zeit Unterkunft in Pellen bei Heiligenbeil. Viele Verwandte und Angeh├Ârige befanden sich, u.a. unsere Gro├čeltern, derzeit noch im Samland. Alle hofften auf eine baldige Heimkehr. Fast nicht zu glauben ist, dass die Kommunikation in den ersten Wochen der Flucht auch ohne Telefon und Handy klappte.
2 Briefe von unseren Gro├čeltern Gertrud und Heinrich H├Âllger (Eltern unserer Mutter Eva Klemens), ehem. wohnhaft in Ansorge,

Liebes Evchen und Kinder!                                     z.Zt. Pertelnicken, d. 9.November 1944
 Durch Heta erhielten wir gestern Eure Adresse. Hoffentlich ist sie richtig. Wir sind hier bei einer alten Hausbesitzerin untergebracht, das hei├čt Vater und ich mit Jatschka und Pawel, der die Pferde besorgt, die ganz in der N├Ąhe sind. Gerda ist im Gut Kiautrienen, Post Perteltnicken, mit Sohn und noch 2 Pferden. Die hat es gut bei voller Verpflegung f├╝r sich und die Leute. Sie ist etwa 4 km von uns entfernt. Vater ist schon einige Male dort gewesen. F├╝r mich ist es etwas weit. Unser n├Ąchster Kirchort ist Pobethen.
Du armes Kind bist nun ganz allein von allen abgesondert. Wie kamst du nun dort hin, mit der Bahn oder mit dem Wagen? Sind Deine Wagen und die Leute auch in der N├Ąhe? Vater war am letzten Sonnabend nach Hause gefahren und hat es dort ziemlich w├╝st vorgefunden. Bei Deiner Wirtschaft war er auch. Drei junge Pferde hat er abends noch auf dem Hof gesehen, aber morgens waren sie nicht mehr da. Im Schweinestall ist er nicht gewesen.
Die Soldaten bei Dir hatten schon Haus und Hof verlassen. Aber auf unserem Hof traf er noch die Artillerie mit ca. 30 Mann an. Die haben da flott gewirtschaftet. Die ├ľfen waren alle eingekachelt, anders als bei uns fr├╝her. Im Herd in der K├╝che, im Bratofen und auch unter dem Kessel hatten sie Feuer. Von unseren Schweinen liefen nur noch einige Ferkel im Stall herum. Was nicht von den Soldaten geschlachtet wurde, ist von den Hunden gerissen worden, so auch die Schafe.
Liebes Kind, schreib bald an uns an die umstehende Adresse, wie es Dir und den Kindern geht. Wie hat Puppe die Reise ├╝berstanden? Wenn m├Âglich, kommt Vater Euch besuchen. Wo Lenchen ist, wissen wir auch nicht. Innige Gr├╝├če Dir und den Kindern von Deinen Eltern.

Anmerk.: Puppe ist unsere Schwester Walburg. Sie war 6 Monate alt.

Liebes Evchen und Kinder!                                       Perteltnicken, d. 16. November 1944
Haben Deinen lieben Brief vom 13. erhalten. Hab herzlichen Dank f├╝r Deine Sorge um uns. Inzwischen wirst Du ja auch meinen Brief erhalten haben. Heute schrieb Lenchen, sie ist bei Bauer Tietke in Grunau bei Heiligenbeil. Vielleicht seid ihr nicht so weit von einander entfernt. Unser Siegmund ist vergangene Woche Herrn Schulz und Deinem Watzlaf begegnet, als sie nach Hause fuhren, um Heuzu holen. Er hat mit Watzlaf gesprochen. Die sollen auch in der Heiligenbeiler Gegend sein. Unsere Frauen kamen heute auch von zu Hause zur├╝ck. Die sagten, es sind au├čer Gefl├╝gel nur noch Katzen auf dem Geh├Âft, im Hause ein w├╝stes Durcheinander. Sie holten noch etwas Gefl├╝gel und meine Gardinen. Ich wei├č nicht genau, ob ich Dir Gerdas Adresse geschrieben habe? Sie ist auf dem Gut in Kiautrienen bei Lemke. Wenn Du uns besuchen willst, dann ist Gerda n├Ąher an der Bahn. Die Station ist Pertelten. Ich bin noch nicht bei ihr gewesen, aber morgen werden wir wohl hinfahren. Wie kommt es, dass Du von Kurt nicht die Nummer hast, hat er eine andere? Gott gebe nur, dass er noch am Leben ist. Hast Du Deine Herta bei Dir? Hier gef├Ąllt es uns ganz gut, nur mit der Heizung m├╝ssen wir sehr sparen. Nur 6-7 Briketts kann ich auflegen und unsere Stube ist 5 mal 6 mal 2,5m gro├č, da kannst Du Dir vorstellen, wie die Temperaturen sind. Vater geht viel spazieren zu Gerda und nach Pobethen, unserem n├Ąchsten Kirchdorf, einkaufen. Er will so gerne nach Hause, weil doch noch so viel Arbeit auf dem Felde wartet, aber auch wieder nicht, weil keine Tiere mehr zu betreuen sind. Ich w├╝rde froh sein, wenn wir hier bleiben d├╝rften. Mein Magen ist nicht in Ordnung, aber auf ├Ąrztliches Anraten werde ich vielleicht bald Vollmilch erhalten. Bis jetzt bekomme ich 4 mal die Woche etwas Magermilch.
Viele innige Gr├╝├če Dir und Deinen Kindern von Deinen Eltern

Weitere Informationen ├╝ber den Verbleib unserer Gro├čeltern in Ostpreu├čen haben wir nicht.

 

Liebes Evchen!                                                   Neu Damerau 29.12.44
Durch Lenchen habe ich Deine Adresse bekommen und geh├Ârt, dass es Dir schlecht ergangen ist, man k├Ânnte sagen am schlechtesten von uns allen. Kurz vor Weihnachten habe ich erfahren, dass sie ganz in meiner N├Ąhe wohnt. So ├╝ber die Felder zu gehen, ist es eine Stunde. Ich bin gl├╝cklich, jemand in der N├Ąhe zu haben, bin schon zweimal bei ihr gewesen. Durch Heten habe ich ihre Adresse bekommen. Von meiner anderen Verwandtschaft, au├čer den Marienwaldern, wei├č ich nichts.
Ich habe es noch ganz gut getroffen, bin mit Frau Kessler zusammen. Wenn wir nicht weiter d├╝rfen, hier k├Ânnte ich es schon aushalten. Wir haben 2 Zimmer und eine gro├če K├╝che. Unsere Bauern sind 3 Geschwister, die den Hof bewirtschaften, echte Natanger, aber sonst kommt man gut mit ihnen aus. 2 Br├╝der sind noch Soldaten. Meine Jungens sind Gottlob noch alle am Leben. Louis und Ernst sind vor Warschau. Felix liegt verwundet im Lazarett in Wernigerode. Erika ist zu ihm gefahren. Hans ist aus dem RAD entlassen, muss am 5.1.45 nach K├Ânigsberg zur Nachuntersuchung und wird dann auch bald gezogen. Ich war ja so gl├╝cklich, einen bei mir zu haben, so war Weihnachten nicht gar so traurig. Was wird uns das Jahr 1945 bringen? Ein besseres neues Jahr und baldige Wiederkehr in der Heimat.
Melde Dich bitte auch einmal. Sei gegr├╝├čt von Anna und Hans

Brief von unserer Tante Helene Nienke an ihre Schwester, unsere Mutter Eva Klemens

Liebe Eva und Kinder!                                                               Gr├╝nden den 1.1.45
Heute Abend will ich Dir endlich Antwort geben und Dir berichten, wie es mir bis jetzt gegangen ist. Am 18. Dez. kam Kurt in Urlaub und fuhr heute Morgen wieder von Braunsberg ab. Am Mittwoch, dem 20.12. waren Kurt und ich sehen, wie es unserem Kleinen im Krankenhaus ging. Da bekamen wir den Bescheid, da├č wir ihn sofort abholen sollten. Darauf haben wir das Jungchen am Freitag vor Weihnachten hierher gebracht. Er sieht ja sehr elend aus, aber es wird ja doch was werden. Gepflegt und aufgepasst muss er ja werden, wie ein rohes Ei. Da hatte ich ja wenigstens alle zu Weihnachten zusammen. Es kommt ja doch noch manchmal etwas besser als man denkt. Wir m├╝ssen ja jetzt f├╝r alles dankbar sein. Anna Kramer war mich mit Hans schon 2 mal besuchen. Die ist nicht weit von uns. Am l. Feiertag waren auch Saumis, Tante Ella, Christel mit Reinhart und Frau Petrick zu Besuch. Sie kamen schon zu Mittag, auch Opa und Oma. Na vorl├Ąufig haben wir ja noch zu essen, bis jetzt bekommen wir noch Karten f├╝r Selbstversorger. Die alten Nienkes sind jetzt 1,5 Kilometer ab von uns, zuerst waren sie weiter weg. Uns werden jetzt alle Pferde abgenommen, die sollen in die Elchniederung, weil hier knapp Futter ist und sie f├╝r die Arbeit gebraucht werden. Die Zuchtstuten sollen noch nicht dazukommen. Was aus denen wird, wissen die selbst noch nicht. Unser Nobel hat von irgendetwas Schlimmes am Bein.
Um nach Hause zu fahren, wurde uns heute gesagt, ist ja noch nicht zu denken. Die Wirtschaften m├╝ssen ja z.Teil neu aufgebaut und eingerichtet werden. Die H├Âfe am Nussbaum sollen ja zum Teil abgebrannt sein. Ob unsere Wirtschaft noch steht,Helene geb. H├Âllger und Kurt Nienke mit ihren Kindern Heinz, Irmtraut und Reinhold (von links) 1943 wissen wir auch nicht. Webers in Schneiderende und Bessingers in Schlichtingen, die sind abgebrannt. Kukkucks aus Neusorge sollen alles verladen und sich in Th├╝ringen abgesetzt haben. Manch andere sind auch schon im Reich. Vielleicht hast Du es noch sicherer als wir. Uns wurde ja gesagt, weiter brauchen wir nicht, aber was wissen wir schon.

 Kurz danach wurden Nienkes Pferde beschlagnahmt. Ohne Wagen und nur mit sehr wenig Handgep├Ąck musste sich unsere Tante mit ihren am Rockzipfel h├Ąngenden Kindern im Alter von 4 Monaten und 4 Jahren zur Ostsee durchschlagen, um auf dem Seeweg die Flucht fortzusetzen. Leider hat das ÔÇ×Jungchen“, erst im September 1944 in Allgau bei Kuckerneese geboren, diese Strapazen nicht ├╝berlebt. Direkt vor der ├ťberfahrt mit dem Rettungsboot ├╝ber die Ostsee in Richtung Westen ist er an einem bitterkalten Januartag sprichw├Ârtlich in den Armen seiner Mutter verstorben. Die Dramatik der Ereignisse, u.a. die Hektik vor dem Einchecken in das ├╝bervolle Schiff und die unertr├Ąglichen Witterungsbedingungen lie├čen eine menschenw├╝rdige Beisetzung des kleinen Jungen nicht mehr zu. Bruno musste ganz allein in Ostpreu├čen zur├╝ckgelassen werden. Seine Mutter hatte dieses Ereignis auch 60 Jahre danach bis zu ihrem Tod nicht verkraftet.
Dies war der letzte Brief, denn durch die einsetzende Gro├čoffensive der russischen Armee waren jegliche Kontakte unterbrochen.

Wolfgang Klemens aus Ansorge gest. 2011, dann Halberstadt Heimatbrief Nr. 50

Der ungew├Âhnliche Hechtfang in Kuckerneese
Was sich im Fr├╝hjahr 1947 an der kleinen Kucker zutrug Nach Herdenau (Kallningken) und Valtinhof (Valtinkratsch) war Kuckerneese (Kaukehmen) unser dritter und letzter Aufenthalt in einer Kolchose in der Elchniederung. Als wir uns im Sommer 1946 Hals ├╝ber Kopf von Valtinhof verabschieden mussten, wussten wir nicht, dass wir diese Region mit dem Gutshof und den drei Insth├Ąusern nie wieder sehen w├╝rden. Warum wir so abrupt den Kolchos in Valtinhof verlassen mussten, war niemand so richtig einleuchtend, aber das wirtschaftliche Chaos wird wohl der Hauptgrund fr diese Aktion gewesen sein. Bei den Russen vollzogen sich Verschiebungen dieser Art ohne gr├Â├čere Vorank├╝ndigung, es musste immer alles rasch geschehen. Die Milit├Ąrs, die immer noch das Sagen hatten, operierten wie im Krieg durch knallharte Befehle, ob eine logische Begr├╝ndung gegeben war oder nicht Und da die Milit├Ąradministration von der Landwirtschaft sowieso nichts verstand, war es ihnen auch egal, was aus den einst fruchtbaren Feldern werden w├╝rde. Als erstes wurde der Pferdestall aufgel├Âst und dorthin ├╝berf├╝hrt. Der Abschied fiel uns schon sichtlich schwer, weil wir das neue ÔÇ×zu Hause“ abermals r├Ąumen mussten. Alle neu entstandenen Gef├╝hle des Heimischwerdens galten pl├Âtzlich nichts mehr. Es zehrte an der seelischen Substanz, vor allem bei den Eltern, die stark nach au├čen auftreten mussten, innerlich jedoch vor dem Ruin standen. Als ich zusammen mit meiner Frau 1995 nach 48 Jahren in diesen Teil unserer Elchniederung reisen durfte, waren auch die letzten Spuren der Niederunger Zivilisation in Valtinhof endg├╝ltig verwischt. Dort wo das ehrw├╝rdige Gutshaus - mit den unterschiedlichsten Erinnerungen verkn├╝pft – einmal stand, war eine Schweinemastanlage aus dem Boden gestampft worden, und diese Duftstoffe verliehen jetzt dieser Region ihr ÔÇ×Markenzeichen“. Nur die gewaltige Linde, oder war es doch eine Eiche, die einst vor dem Gutshof zu einem Puschen im Schatten einlud, wehrte sich mit Erfolg, als letzte Spur Valtinhofs beseitigt zu werden. Als einsamer Zeuge, der mindestens vier Gesellschaftssysteme ├╝berlebt hat, steht er nun stellvertretend fr alles auf Wacht. Die verheerende Hochwasserkatastrophe vom Fr├╝hjahr 1946, die bei Kloken durch den riesigen Dammbruch ausgel├Âst worden war, hatten wir verh├Ąltnism├Ą├čig glimpflich ├╝berstanden. Wie es uns nun in Kuckerneese ergehen sollte, wusste niemand. Zun├Ąchst ging es darum, eine sichere Behausung zu finden. Dazu wurden die noch verwertbaren Wohnungen abgeklappert und nach Bewohnbarkeitskriterien ausgesucht. Das war nicht ganz einfach, denn die Russen als Sieger nahmen sich das ÔÇ×Vorrecht“. Manchmal hatte man es sich schon einigerma├čen eingerichtet, bis pl├Âtzlich ein Russe daherkam, weil ihm die Wohnung gefiel, und schon war man wieder auf der Stra├če. Dann aber kam schon das wichtigste Problem, das alle anging, Deutsche wie Russen gleicherma├čen: Hlt der geflickte Damm? Denn dass das Hochwasser kommen w├╝rde, das stand fest. Das Fr├╝hjahrshochwasser kam dann auch ganz nach Plan, und der Damm hielt. Selten im Leben habe ich so ├╝bergl├╝ckliche Menschen gesehen, die sich in den Armen lagen und sich ihrer Tr├Ąnen nicht sch├Ąmten, denn eine ├Ąhnliche Hochwasserkatastrophe wie im Jahr zuvor h├Ątten wir wahrscheinlich wohl nicht ├╝berstanden. Sollte das Jahr 1947, das so verhei├čungsvoll f├╝r uns begonnen hatte, sich weiter so gut entwickeln? Tatschlich, der positive Trend hielt zun├Ąchst auch noch an. Schon der kleinste Hoffnungsschimmer, der irgendwo zu sehen war, l├Âste Freude aus, verlieh notwendigen Mut, weiter durchzuhalten. Im Fr├╝hjahr 1947 sollten wir eine Gl├╝cksphase ergattern, wie sie nicht sehr oft im Leben vorkommt. Die seichte Kucker – zur Zeit Kaukehmens hie sie Kauke - mit den vielen Windungen und den schon sehr alten, dicken und schr├Ągen Weiden an den ebenen Ufern war unsere Nahrungsquelle. Um zu den notwendigen Laichstellen zu kommen, mussten die Hechte durch die Kucker, die unmittelbar hinter der Br├╝cke in Kuckerneese ihre schmalste Stelle hatte. In Windeseile sprach es sich herum, welches Naturschauspiel uns geboten und von uns auch genutzt wurde. Jeder, der einen Kescher, einen Buller oder ein anderes Fangger├Ąt hatte, machte sich an das Vergn├╝gen und wurde auch reich belohnt. Kaum hatte ich meinen Buller ins Wasser geworfen, da merkte ich schon am Draht, mit dem der Buller verbunden war, dass Fische drin sein mussten, denn der Draht vibrierte heftig. Und so war es dann auch. Ich leerte den Buller, gab die Hechte meinem j├╝ngeren Bruder Ernst, der damals neun Jahre alt war. Er verstaute sie gerade noch im Krepsch, da kam ich schon mit dem n├Ąchsten Fang an. Es war wie im Mrchen, nur diesmal war es die absolute Wirklichkeit an dem kleinen, sonst unbeachteten Fl├╝sschen. Die Fische waren inzwischen so dicht bei dicht im Wasser, dass man sie nur noch mit den H├Ąnden zu nehmen brauchte. Das taten wir auch unentwegt. Pl├Âtzlich lag jemand auf dem Bauch ganz dicht am flachen Ufer und griff unter die Uferkante nach den Hechten, die wie gestapelt und bet├Ąubt lagen und sich ohne weiteres greifen lie├čen. Sekunden sp├Ąter lag auch ich ebenfalls auf dem Bauch und griff nach den Fischen, die mir Ernst sofort abnahm. Es war alles wie im verkehrten Film. Die Russen, die von Hause aus leidenschaftliche J├Ąger und Fischer sind, hatten ├Ąhnliches wohl auch noch nicht erlebt. Nie zuvor hatte ich Menschen gesehen, die derart vom Fangfieber besessen waren. Ein Russe versuchte, einen sehr gro├čen Hecht mit dem Gewehr zu erlegen. Als es ihm nach mehreren Sch├╝ssen misslang, sprang er in Uniform ins Wasser, um den Fisch mit den H├Ąnden zu greifen. Als er das auch nicht schaffte, zog er w├╝tend und schimpfend davon, schlie├člich war er bis zum Oberk├Ârper v├Âllig durchn├Ąsst.  Ich wei├č nicht genau, wie ich dieses ÔÇ×Fische-Fangen“ bezeichnen soll. Die schlichte Beschreibung dieses Ereignisses kann nur ann├Ąherungsweise das wiedergeben, was sich an diesem Sp├Ątnachmittags in Wirklichkeit an der Kucker abgespielt hat. Man musste es erlebt haben. Da wir die Fische, die wir an diesem Tag und in dieser kurzen Zeit gefangen hatten, nicht alle tragen konnten, bat ich Ernst, er m├Âge unser kleines W├Ągelchen holen, denn es waren ja nur etwa 300 Meter bis zu unserem neuen Haus in der Lorkstra├če, damit wir unsere Beute sicher heimbringen konnten. Zu Hause war die Freude riesengro├č. Die Tante und auch Frau Lewens, das war die lettische Lehrerin, die bei uns wohnte, wurden in die Verarbeitungsarbeiten der Hechte einbezogen. Am n├Ąchsten Tag trieben wir eine Tonne auf und begannen gleich damit, sie in eine Rucher-Vorrichtung umzufunktionieren, damit wir den grten Teil der Fische ruchern konnten. Wie das mit der R├Ąucherei funktionierte, hatten wir schon 1946 in Skirwiet kennen gelernt, als wir von Valtinhof zum unweiten Fischerdorf zwecks eines Tauschgesch├Ąftes unterwegs waren. Diese R├Ąuchervorrichtungen hatten wir uns damals gr├╝ndlich angesehen, wussten zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, dass wir sie bald gebrauchen wrden. Den Duft dieser Hechte versp├╝re ich heute noch, wenn diese goldbraunen ger├Ąucherten Fische irgendwo auf dem Markt angeboten werden. Leider stirbt die Romantik des Verkaufs von ger├Ąucherten Fischen auf den M├Ąrkten so langsam aus. Was bleibt, ist die Erinnerung, die wir jedoch auf ÔÇ×Knopfdruck“ jederzeit abrufen und in Gespr├Ąchen der heranwachsenden Generation in ungeschminkter Form weitergeben k├Ânnen. Dieser ungew├Âhnliche Fischfang hatte damals wesentlich dazu beigetragen, die Ern├Ąhrungslage erheblich aufzubessern. Naturereignisse dieser Art kommen im Leben wirklich sehr selten vor. Sie k├Ânnen nicht von den Menschen vorhergesagt oder gar geplant werden. Als wir zusammen mit meinen Br├╝dern 2001 in Kuckerneese waren und uns von der kleinen Br├╝cke aus das St├╝ckchen Kucker betrachteten, wo mein j├╝ngerer Bruder Ernst und ich dieses Schauspiel erleben durften, frage ich mich heute noch, war es nur solide Gesetzm├Ą├čigkeit der Natur oder doch was anderes? Dieses Naturgeschenk im Fr├╝hjahr 1947 war dann auch der vorletzte Hoffnungsschimmer dieses Jahres. Die restlichen Monate des Jahres 1947 verschlechterten sich dann rapide. Ausf├╝hrlich ├╝ber Kuckerneese und den Hechtfang in der Kucker schreibe ich in meinem Buch ÔÇ×Nur nicht nach Labiau gehen!“
Heinrich Salomon, fr├╝her Tranatenberg  
   Heimatbrief Nr. 51                                                                                                                                

Schulgeschichten aus Heinrichswalde
Ich war 11 Jahre alt als mein Vater, er war Postschaffner, nach Heinrichswalde versetzt wurde. Hier wohnte ich von 1937 bis 1943, dann kam ich nach Kloken bei Kuckerneese zum Reichsarbeitsdienst. Aus meiner Zeit in Heinrichswalde m├Âchte ich 2 kleine Geschichten aus unserer Mittelschule in der Gr├╝nbaumer Allee erz├Ąhlen. Unser Biologielehrer war Herr W., genannt Pongo wegen seiner au├čergew├Âhnlich dunklen K├Ârperbehaarung ( Pongo war eine Gestalt aus dem damals beliebten Abenteuerschm├Âker ÔÇ×Rolf Torrings Abenteuer“). Neben unseren Hausaufgaben musste ein Sch├╝ler zur n├Ąchsten Biologiestunde immer einen Strau├č Wald- und Wiesenpflanzen sammeln. Wir mussten dann Name und Fundort der Pflanzen benennen. Eines Tages wich er jedoch davon ab und stellte uns f├╝r die n├Ąchste Stunde kommender Woche folgende Aufgabe: ÔÇ×Bekanntlich ist ja die L├Ąrche ein Laubbaum mit einer sch├Ânen gro├čen Krone. Es gibt in Heinrichswalde nur einen einzigen Baum dieser Art. Eure Aufgabe fr die n├Ąchste Biologiestunde ist es, diesen Baum zu finden“. Wir waren zwar neugierig, haben auch ab und zu mal ein bisschen gesucht, aber letzten Endes war uns die Bolzerei auf dem Fu├čballplatz wichtiger. Die Woche verging, die Biologiestunde war da. Auf seine Frage, ob wir den Baum gefunden h├Ątten, herrschte tiefes Schweigen. Die Entt├Ąuschung des Lehrers W. war gro├č, zumal auch seine Lieblingssch├╝ler nichts gefunden hatten. Einige von uns ├Ąu├čerten sogar den Verdacht, es g├Ąbe einen solchen Baum in Heinrichswalde gar nicht, es w├Ąre nur ein Scherz unseres Lehrers. Darauf dann er: ÔÇ× Steht mal alle auf und tretet ans Fenster und schaut auf unseren Schulhof. In der ├Ąu├čersten Ecke unseres Schulhofes steht die sch├Ânste und einzige L├Ąrche in Heinrichswalde und Umgebung.“ Wenn ich heute so zur├╝ck denke, es war wirklich ein sch├Âner gro├čer Baum mit einer gro├čen stattlichen Krone, die einen gro├čen Teil unseres Schulhofes beschattete. Damals hatte ich, und auch bestimmt ein Teil meiner Schulkameraden, keinen allzu gro├čen Sinn f├╝r derartige Natursch├Ânheiten. Trotzdem waren wir aber doch sehr erstaunt. – Jahre sp├Ąter, 1994, besuche ich Heinrichswalde als doch schon betagter Mann, auch unsere Schule mit der bewussten L├Ąrche. Schulgeb├Ąude und Hof waren noch vorhanden. Die L├Ąrche war fort. Wahrscheinlich war der Baum als Brennholz durch die Schornsteine der jetzigen Bewohner gegangen. Es war ja auch bequemer, als sich das Brennholz aus dem nahe gelegenen Wald zu holen. Die beiden Bilder zeigen unser Schulgeb├Ąude mit Schulhof im Jahr 1994.Schule Heinrichswalde 1994 Inzwischen soll das Schulgeb├Ąude abgebrannt oder wegen Altersschw├Ąche eingest├╝rzt sein. Tatareneinfall und Pest hat Ostpreu├čen ├╝berstanden, Russenherrschaft wird dieses Land wohl nicht ├╝berstehen. Auch meine zweite Geschichte spielt sich in unserer Schule in der Gr├╝nbaumer Allee ab. Als ich 1937 nach Heinrichswalde kam, war die offizielle Bezeichnung ÔÇ× H├Âhere Knaben- und M├Ądchenschule. Sie erhielt dann, es muss wohl 1938 oder 1939 gewesen sein, die Bezeichnung Mittelschule Heinrichswalde (10-Klassen-Schule). Die Umstellung erfolgte problemlos, nur neue Schulb├╝cher waren so pl├Âtzlich nicht verf├╝gbar. Und damit hngt diese Geschichte zusammen. Aufgrund von Lehrerausfall, Krankheit oder Einberufung zum Wehrdienst wurden manchmal 2 Klassen zusammengelegt. So geschah es auch an diesem Tag. Es war eine Mathe-Stunde. Wir sa├čen im oberen Stockwerk, Fenster mit Blickrichtung auf die Gr├╝nbaumer Allee. Mathe hatten wir bei Rektor Fritz G. Vorausschicken m├Âchte ich noch, dass wir ja immer mehr oder weniger harmlose Streiche f├╝r unsere Lehrerschaft bereit hatten. Irgendjemand hatte da immer einen guten Gedanken. Beliebtes Ziel war Lehrer Fritz G. Er betrat die Klasse und nach einem zackigen deutschen Gru├č begann der Unterricht, allerdings mit den Lehrb├╝chern der H├Âheren Knaben- und M├Ądchenschule. Herr G. war immer sehr eifrig in seinem Bem├╝hen, uns etwas beizubringen. Sein Lieblingssatz war immer, ihr lernt fr das Leben und nicht fr mich, wenn ihr das doch endlich kapieren werdet. Nat├╝rlich hatte er recht, doch damals l├Ąchelten wir nur dar├╝ber. Deshalb traf ihn ja beinahe der Schlag, als er feststellte, dass sein Sch├╝ler Heinz R. seinen Unterricht total ignorierte. Heinz sa├č am offenen Fenster, den Kopf auf beide H├Ąnde gest├╝tzt 
und unterhielt sich laut mit einem Kumpel, der mit seinem Fahrrad auf dem B├╝rgersteig der Stra├če stand. Herr G. rief Heinz zur Ordnung, und nach den blichen Zurechtweisungen fragte er ihn, was er sich erlaube, einfach nicht am Unterricht teilzunehmen. Darauf erwiderte Heinz dann sinngem├Ą├č: ÔÇ×Herr Rektor, wir sind jetzt eine Mittelschule. Der Lehrstoff, den Sie uns vermitteln, stammt aus einem Lehrbuch, das nicht fr Mittelsch├╝ler zugelassen ist, und daraus lerne ich nicht“. Wir ├╝brigen Sch├╝ler bekundeten mehr oder weniger unsere Zustimmung, vermuteten wir doch instinktiv einen eventuellen, zeitlich begrenzten Ausfall des Unterrichtes. Und tats├Ąchlich, Rektor G. klopfte h├Ârbar sein Buch zu und verlie├č den Klassenraum. Unsere Schadenfreude dauerte allerdings nicht lange. Rektor G. erschien zur n├Ąchsten Stunde mit einem richtigen Lehrbuch. Seine kleine Rache war dann, dass wir unsere Hausaufgaben von der Wandtafel in der Pause abschreiben mussten und zwar so lange, bis wir auch im Besitz neuer Becher waren. Im Nachhinein kann ich sagen, dass wir unseren Lehrern sehr oft das Leben schwer gemacht haben. Sie wollten wirklich das Beste f├╝r uns, und wir haben es ihnen nicht gedankt. Das m├Âchte ich heute nachholen, obwohl es ihnen nun auch nichts mehr n├╝tzt.Seitenanfang - top
Kurt Paschkewitz, fr├╝her Heinrichswalde  Heimatbrief Nr. 51

Onkel Otto und sein bewegtes Leben
Damit verbunden ist auch eine ungew├Âhnliche Gesch├Ąftsbeziehung zu Mercedes-Benz, die schon ├╝ber 100 Jahre zur├╝ckliegt und die wohl f├╝r die damalige Zeit ÔÇ×einmalig“ war. Nach unserer Flucht im Oktober 1944 aus Ostpreu├čen gelangten wir ├╝ber Umwege erst 1947 wieder in das noch ├╝brig gebliebene Deutschland. Es war der Gebirgsort Sch├Ânfeld, Kreis Dippoldiswalde und im Osterzgebirge gelegen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir auch versucht, zu verschiedenen Verwandten Verbindung aufzunehmen. Dazu z├Ąhlt auch Otto Kallweit, geb. am 22.09.1882 in Bl├╝ckersdorf, Kreis Insterburg/Ostpreu├čen. Es ist ein Cousin von meinem Vater, und seine erste briefliche Anfrage an uns ist, ob wir nicht Interesse h├Ątten, mit ihm nach Amerika auszuwandern. Seine Einsch├Ątzung war schon damals, dass es ein Zur├╝ck nach Ostpreu├čen nicht geben wird, au├čerdem h├Ątte Vater drei Jungs und das bedeutet Zukunft. Doch meine Eltern waren f├╝r so ein Wagnis nicht zu begeistern und auch nicht geeignet. Um so erstaunlicher der Vorschlag von ÔÇ×Onkel Otto“, wie ich ihn ab jetzt nennen werde, denn er ging zu diesem Zeitpunkt schon auf die Siebzig zu. Aber wenn man seinen Lebensweg kennen gelernt hat, so ist das normal. Es ist eine der aufregendsten Schicksale in unserem gro├čen Verwandtenkreis, deshalb soll diese Schilderung ihm allein gewidmet sein, um seine Person der Nachwelt zu erhalten. Dieses Thema w├Ąre aber auch ein Buch oder einen Film wert gewesen! Onkel Otto war uns zun├Ąchst nur vom Erz├Ąhlen her bekannt. Er selber ist auch von Ostpreu├čen gefl├╝chtet und bis Pretin gekommen. Dies ist ein kleiner Ort hinter Torgau (Sachsen) und in Elbn├Ąhe gelegen
.
Aufgrund der relativ kurzen Entfernung von ca. 120 km kommen Vater und ich auf die Idee, ihn aufzusuchen, denn es steht Pfingsten 1949 an. Nach R├╝cksprache mit der Schule, denn ich musste meine verlorene Schulzeit von zwei Jahren nachholen, werden die Feiertage noch um einen Tag f├╝r mich verl├Ąngert. So geht es zu dem bevorstehenden Anlass an einem Nachmittag von Sch├Ânfeld (Erzgebirge) nach Dresden. Dort wurde bei Schneiders ├╝bernachtet, es ist eine Bekanntschaft zu Gesch├Ąftsleuten noch aus der Zeit aus Ostpreu├čen. Am n├Ąchsten Tag in aller Fr├╝h wird zur Schiffsanlegestelle gefahren, und mit einem Raddampfer beginnt elbabw├Ąrts unsere Fahrt. Dabei werden die Orte gestreift wie Radebeul, Mei├čen, Riesa, M├╝hlberg, Torgau, und dann kommt die Anlegestelle Dommitzsch bzw. Pretin. Hier m├╝ssen wir von Bord, was etwas problematisch ist, denn es gibt nur eine starke Holzbohle, ├╝ber welche die einzelnen Passagiere von der Mannschaft herunter geleitet werden. Dann gelangen wir mit einer F├Ąhre zum anderen Elbufer, um von hier etwa 2 km nach Pretin zu laufen. Dort angekommen, wird Onkel Otto durch seinen Bekanntheitsgrad schnell gefunden. Er lebte mit einer lieben Haush├Ąlterin, auch eine Ostpreu├čin, zusammen in einer ansprechenden Wohnung. Die Tage sind ausgef├╝llt mit Erz├Ąhlen, dabei ist unser Gastgeber ein Meister darin, so geht es bis sp├Ąt in die Nacht und als Getr├Ąnk gibt es nur Grog zu trinken. Somit ist der Anfang unserer Verwandtschaftspflege gemacht und wird sp├Ąter noch oft wiederholt. Sp├Ąter besitze ich auch schon ein Motorrad und bin mit Vater ├Âfter hingefahren. Auch als ich schon mit meiner lieben Frau verheiratet bin und in Dresden auf der Struvestra├če Nr. 7 wohne, bekommen wir etwa 1962 unangemeldet seinen Besuch. Es klingelt, meine Frau macht die T├╝r auf und da steht im T├╝rrahmen eine imposante, ├Ąltere Gestalt und stellt sich mit den Worten vor ÔÇ×ich bin der Onkel Otto“. In der Hand h├Ąlt er ein gro├čes Paket, welches er mit den Worten ├╝bergibt ÔÇ×lege es bis zum Abendessen in den K├╝hlschrank. Es enthielt B├╝cklinge, welche er in der Ladenstra├če vor unserem Haus gekauft hatte. Auch an diesem Abend wird es wieder sehr sp├Ąt durch seine Erz├Ąhlungen. Onkel Otto war unterwegs, um hier in der N├Ąhe Ersatzteile f├╝r seinen Traktor zu besorgen, also konnte man Werner’s Frau mal kennen lernen. So habe ich Onkel Otto kenngelernt und nachstehend beginnt seine eigentliche Geschichte:
Er stammte, wie gesagt, aus der N├Ąhe von Insterburg, und seine Eltern hatten dort einen Bauernhof. Da er aufgrund seiner zahlreichen Geschwister f├╝r die ├ťbernahme des Bauernhofs nicht in Betracht kam, musste er f├╝r sich eine andere L├Âsung suchen. F├╝r ihn gab es dann auch nur den einen Wunsch, Er wollte zur Schutztruppe nach Deutsch-S├╝dwest-Afrika (Namibia), der damaligen deutschen Kolonie. Die erste H├╝rde war sein momentan zu junges Alter f├╝r die Bewerbung, aber kurzerhand hat er das Datum seiner Geburtsurkunde ge├Ąndert. Bei der Antragstellung ist dieser Schwindel nicht aufgefallen. So kam die Aufnahme zu Stande und die erforderliche Grundausbildung begann. Dabei wurden die Schwerpunkte auf K├Ârperert├╝chtigung und Waffentechnik gelegt. Beim Letzteren kam es zu folgender Begebenheit. Mein Onkel ist zu einer Schiebung und als letzter Sch├╝tze im Schie├čstand, dabei zielt er schon einige Zeit auf die Zielscheibe. Das f├Ąllt auch dem wachhabenden Leutnant auf, er kommt auf ihn zu und spricht: ÔÇ×Kallweit, warum schie├čen Sie nicht?“ Darauf antwortet er: ÔÇ×Herr Leutnant, eine 10 kann ich immer schie├čen, aber nicht eine 12.“ Darauf antwortet der Leutnant: ÔÇ×Kallweit, wenn Sie eine 12 schie├čen, bekommen Sie eine Zigarre von mir.“ So zielte er noch einmal in aller Ruhe und trifft tats├Ąchlich eine 12, damit bekommt er seine Zigarre geschenkt. Da er Nichtraucher war, wird dieselbe im Spind aufbewahrt. Nach der beendeten Grundausbildung kommt die Order, sich gediegenes Schuhwerk und dergleichen auf eigene Kosten zu besorgen, was f├╝r die ├Ârtlichen Verh├Ąltnisse n├Âtig ist. In Afrika dann angekommen, wird die Schutztruppe zu vielf├Ąltigen Aufgaben herangezogen. Dabei sind in erster Linie Expeditionen zu begleiten und zu sch├╝tzen. Zu diesen Unternehmungen geh├Ârt auch der Tierpark Hagenbeck aus Hamburg mit seinen Tierf├Ąngern. Auch eigene Jagderlebnisse gehren aus dieser Zeit dazu, daran erinnert auch ein L├Âwenfell mit Kopf, welches Onkel Otto noch im Wohnzimmer liegen hatte. Nach einiger Zeit ist eine Bef├Ârderung f├Ąllig, und ihm wird eine kleine Truppe unterstellt. Dann kommt auch der Augenblick, um sich Gedanken zu machen, wie es nach der Dienstverpflichtung weiter gehen soll. Da er in Afrika bleiben m├Âchte, reift sein Plan, sein jetziges Umfeld wirtschaftlich zu erschlie├čen heran. Das bedeutet, aus den h├Âher gelegenen Ebenen bis zur K├╝ste ein tragbares Stra├čennetz auszubauen, denn die gut zu handelnden S├╝dfr├╝chte gab es zuhauf. Doch es fehlte eine geeignete Transportm├Âglichkeit, dies im gr├Â├čeren Umfang und mit einer anschlie├čenden Verschiffung zu bewerkstelligen. So wurde mit seiner Schutztruppe und den interessierten Einheimischen dieses Projekt in Angriff genommen. Doch auch hier musste bei den Bewohnern ├ťberzeugungsarbeit geleistet werden, denn sie waren es gewohnt, ihre Ware ├╝ber weite Strecken zu transportieren, um Abnehmer zu finden. Nach seiner Entlassung ist eine neue H├╝rde zu nehmen, denn f├╝r sein angedachtes Fuhrunternehmen brauchte er auch Lastwagen. Doch seine Ersparnisse sind nicht ausreichend, und so wird sein Projekt der Fa. Mercedes Benz in Berlin-Marienfelde zugestellt. Hier wurden von 1900 - 1944 Busse und LKW’s gebaut. Dabei kommt es zu einem positiven Bescheid, aber mit der Auflage, pers├Ânlich fr ein halbes Jahr nach Berlin zu kommen. Die LKW-Produktion soll aus dem FF kennengelernt werden, um sich auch sp├Ąter alleine helfen zu k├Ânnen. Dieser Forderung wird nachgekommen und mit drei in Einzelteilen zerlegten LKW’s geht es per Schiff dann sp├Ąter wieder nach Afrika zur├╝ck in den damals einzigen Hafen Swakopmund. Hier angekommen, werden geeignete Einheimische angeheuert und die Lastwagen wieder zusammenmontiert. Nach der Fertigstellung kam dann der gro├če Augenblick, auf den er besonders stolz war, die Motoren springen sofort an - damit ist der Anfang gemacht. So wird aus dem ÔÇ×Nichts“ eine kleine Transportfirma geboren, dazu kam ein Wohnhaus mit einer Hausangestellten, sowie eine Fahrzeughalle, um Reparaturen ausf├╝hren zu k├Ânnen. Auch LKW-Fahrer wurden eingestellt und ausgebildet, dabei waren sie besonders lernf├Ąhig und dem Neuen aufgeschlossen. Auch der w├Âchentlich stattfindende Markttag im Ort wurde gern aufgesucht, denn es herrschte ein aufgeregtes buntes Treiben, eben echt afrikanisch. So wurden Waren der verschiedensten Art von den Einheimischen angeboten und gehandelt. Dabei war Fleisch aufgrund der W├Ąrme besonders problematisch, denn K├╝hlm├Âglichkeiten gab es nicht. Auch Goldwaren sind im Angebot, so auch massive Goldringe, von denen er etliche erwarb. Unter den Wei├čen wird auch ein gewisses Clubleben gepflegt mit Austausch von Neuigkeiten, geselligem Beisammensein und nat├╝rlich feiern in fr├Âhlicher Runde. Dabei wurde auch deutsches Bier angeboten. Doch diese positive Entwicklung und das friedliche Miteinander werden j├Ąh unterbrochen, es kam das Jahr 1914 und somit der Beginn des 1. Weltkrieges. Die deutsche Kolonie wurde von den Engl├Ąndern ├╝bernommen. Damit verbunden war eine Internierung der Deutschen, das hei├čt, sie wurden nach England gebracht. Vorab konnte Onkel Otto noch seine so junge Firma an einen geeigneten Mitarbeiter bergeben, der ├╝brigens schon sehr gut deutsch sprach. In England wurden die Internierten sehr kurz gehalten, was auch die Bewegungsfreiheit betraf. Es gab au├čerdem keine M├Âglichkeit, einer Arbeit nachzugehen und somit waren die Internierten zum Nichtstun verurteilt. Das war aber nichts fr meinen Onkel Otto, und so wurde die Idee geboren, es mit Intarsienarbeiten zu versuchen. Er hatte es mit der Zeit zu einer Perfektion gebracht, wovon ich mich auch selber ├╝berzeugen konnte. Denn ein Bild aus dieser Zeit hatte er gerettet, es hing zu Hause in seinem Badezimmer. Es stellte eine Frau dar, die im Badezimmer vor einem Spiegel steht und in der Hand einen Handspiegel h├Ąlt. Es war eine sehr ausdrucksvolle Darstellung. Die Besch├Ąftigung, anfangs noch als Hobby betrieben, entwickelte sich regelrecht zum Gesch├Ąft. Als Entgelt wurden nur Goldst├╝cke entgegengenommen oder in dieselben eingetauscht. Auch hier wurde schon wieder weiter gedacht und ein gr├Â├čerer Koffer aus Sperrholz hergestellt. Dieser erhielt einen doppelten Boden, darin wurden die wertvollen M├╝nzen versteckt. Nach Beendigung des Krieges 1918 wird das Lager aufgel├Âst und die Insassen nach Deutschland abgeschoben. Ein Zur├╝ck nach Afrika gibt es nicht, da hatten die Engl├Ąnder nach deren Macht├╝bernahme weiterhin das Sagen. In Deutschland angekommen, ging es wieder zur├╝ck nach Ostpreu├čen in seine Heimatstadt Insterburg. Aber die beginnende Inflationszeit und eine unruhige politische Lage waren ung├╝nstig f├╝r einen Neubeginn. Doch in seinem Fall hatte er noch den Koffer mit doppeltem Boden, sprich Sparschwein und das im wahrsten Sinne des Wortes. Da Papiergeld immer rasant verfiel, waren die Goldst├╝cke aus dem Koffer Tatschlich ÔÇ×Gold wert“. So war die Grundlage fr die Gr├╝ndung einer Transportfirma wieder vorhanden. Sp├Ąter kamen noch Omnibusse, nach meinem Kenntnisstand auch von Mercedes-Benz, dazu, und das Ganze entwickelte sich zu einem Reiseunternehmen. Die Hauptziele waren dabei die nicht weit entfernten Ostseeb├Ąder und das Kurische Haff sowie Sehenswertes in Ostpreu├čen. Erw├Ąhnen m├Âchte ich noch, dass Onkel Otto l├Ąngere Zeit einen losen Briefkontakt mit seinem Verwalter in Afrika pflegte, wobei er wiederholt das Angebot bekam, doch wieder zur├╝ck zukommen und sein Unternehmen weiterzuf├╝hren. Es blieb wie es war, aber nicht die nachstehenden Ereignisse. Doch auch die Schaffenszeit in Ostpreu├čen hatte ihre Zeit, und am Ende des Jahres 1944 beginnt die Flucht. Dazu ist f├╝r ihn und seine Haush├Ąlterin ein PKW mit Holzvergaser umgebaut, denn Benzin ist knapp und rationiert. Dieses Bild der auf Holzvergaser umgebauten Auto’s kannte ich auch nach dem Krieg noch viele Jahre. Bei der Flucht wird der bereits erw├Ąhnte Ort Pretin an der Elbe erreicht. Hier wird auch das Kriegsende sowie der Einmarsch der Siegerm├Ąchte erwartet, es ist wieder das Ende vom Neuanfang. Seine Haush├Ąlterin erh├Ąlt in der N├Ąhe eine Anstellung in einem Emaillewerk, wo Kocht├Âpfe, Sch├╝sseln und Eimer produziert werden, auch ehemalige Stahlhelme werden umfunktioniert. So sind bereits dringend ben├Âtigte Tauschwaren im kleinen Umfang vorhanden. Doch Onkel Otto kann mit seinem umger├╝steten Personenwagen nichts anfangen, denn der Bedarf nach Personenbef├Ârderung ist nicht vorhanden, die Menschen haben andere Sorgen. Die Sorgen hatten auch die Siegerm├Ąchte, in dem Fall die Russen, denn sie ben├Âtigten dringend den gewohnten Schnaps. Diese L├╝cke wird erkannt, auch ein geeigneter Raum im Stallgeb├Ąude ist vorhanden. So wird an einem Destillierapparat gebastelt und nach etlichen Versuchen konnte die Produktion von Kartoffel- und Getreideschnaps beginnen. Fr Abnehmer ist schnell gesorgt und die Mundpropaganda tat ihr ├╝briges. Dabei gab es auch einen ganz ausgefallenen Kunden. Eines Tages erscheint ein russischer Offizier mit einer gr├Â├čeren Aktentasche unter dem Arm, dabei ist er selbst nicht mehr ganz n├╝chtern. Im gebrochenen Deutsch wird gefragt: ÔÇ×Du Mann haben Wodka?“ Die Gegenfrage: ÔÇ×Wie viel Flaschen?“ Dazu wird eine Hand mit gespreizten Fingern gehoben. Nun war man sich einig und es ging ans Bezahlen. Dabei macht der Russe seine Aktentasche auf, gef├╝llt mit geb├╝ndelten Geldscheinen, wahrscheinlich war er vorher bei einer Bank gewesen. Mit der rechten Hand fasst er in die Geldscheine und fragt, ÔÇ×...ist genug?“ Das wird bejaht. Aufgrund von diesem unverhofften Geldsegen kommt wieder der Wunsch auf, ein eigenes Fuhrunternehmen zu gr├╝nden. Dazu wird eine Annonce in eine Tageszeitung gesetzt - suche Traktor mit Anh├Ąnger -. Bei dem Traktor kommt sofort eine Zuschrift aus dem Raum von Dessau, bei dem Anh├Ąnger dauert es etwas l├Ąnger bis ein Zuschrift kam. Der Traktor wurde ├╝berf├╝hrt und in einer angemieteten Halle untergebracht. Danach wird der Motor ausprobiert, aber er zeigt keine Leistung, trotz vieler Versuche und ├änderungen. Da wurde die n├Ąchste Annonce aufgegeben - suche Fachmann, der sich mit dem Traktortyp ... auskennt. Es meldet sich ein Ingenieur, der in dem ehemaligen Traktorenwerk gearbeitet hat. Onkel Otto wird von ihm aufgesucht, danach der Traktor begutachtet mit dem Ergebnis, die Zuleitungsrohre fr die Einspritzung sind zu gering - es konnten nicht Originalteile sein. Nach Durchf├╝hrung der vorgeschlagenen ├änderung lief sein Traktor wie eine ÔÇ×Hanne“. Um den rationierten Kraftstoffbedarf abzusichern, lie├č er sich im ├Âffentlichen Stra├čenbau anstellen, damit er seine Lohnfuhren weiterhin durchf├╝hren konnte. Fr Onkel Otto war das Fuhrunternehmen sein Leben, aber es sollte auch leider sein Schicksal werden. Die Traktoren der damaligen Zeit sprangen teilweise schlecht an. So wurde als Starthilfe oft eine Kurbel genommen, um den Motor anzuwerfen. Doch diese Starthilfe war nicht ungef├Ąhrlich, weil die Kurbel manchmal zur├╝ckschlug und es zu Verletzungen kam. Dieses eine Mal trat auch ein, wobei Onkel Otto im Brustkorbbereich so stark verletzt wurde, dass er ein paar Tage sp├Ąter im Krankenhaus den inneren Verletzungen erlegen ist - f├╝r uns alle eine bittere Nachricht. Auch im Nachhinein habe ich es schon oft bedauert, mir nicht mehr gemerkt oder stichwortartig notiert zu haben, denn es w├Ąre noch viel zu berichten gewesen.
Werner Kalweit aus Wartenh├Âfen jetzt Bocholt Heimatbrief Nr. 51

Russischer Unterricht in Kuckerneese 1947

Kuckerneese-Schulenach1945Als ich 1995 zusammen mit meiner Frau nach ├╝ber 48 Jahren das erste Mal nach Ostpreu├čen in meine Heimat reisen durfte, machten wir nat├╝rlich auch einen Abstecher nach Kaukehmen, ab 1938 Kuckerneese. Gespannt war ich darauf, ob das kleine Schulh├Ąuschen noch stehen w├╝rde, in dem ich 1947 zusammen mit meinem j├╝ngeren Bruder Ernst mal ÔÇ×Unterricht“ hatte. Tats├Ąchlich stand das kleine Schulchen noch, hatte sich sogar noch ein wenig herausgeputzt, was die hellen Farben verrieten.
Im Juni 1944 wurden die Schult├╝ren der Rauterskircher Schule f├╝r den Unterricht f├╝r immer geschlossen. Nur f├╝r die verwundeten Soldaten und das medizinische Personal ├Âffneten sie sich noch f├╝r einige Monate, bevor dann im Oktober 1944 auch der letzte Betrieb erlosch. ├ťber drei Jahre hatten wir inzwischen keinen Unterricht mehr gehabt, und wir Kinder waren ├╝ber dieser Lage gar nicht so unzufrieden. F├╝r unsere Eltern jedoch, vor allen Dingen f├╝r unsere Mutter, war dieser Zustand schon fast unertr├Ąglich geworden. Und wenn ich das Wort Schule h├Ârte, h├Ârte ich auch sogleich das unerl├Ąssliche Klagen und St├Âhnen meiner Mutter: ÔÇ×Was soll blo├č aus den Kindern werden, sie verdummen ja ganz und gar. Mein Gott, wie das mal enden wird!“ Im Sommer 1947, als immer mehr russische Zivilpersonen aus den unterschiedlichsten Sowjetrepubliken in die Elchniederung transportiert wurden, sprach es sich schnell herum, dass auch ein Schulbetrieb aufgenommen werden soll. Ob der nur f├╝r die russischen Kinder gedacht war oder auch f├╝r uns deutsche Kinder gleicherma├čen G├╝ltigkeit haben sollte, war nicht klar. Unsere Mutter war ganz aufgew├╝hlt von dieser, aus ihrer Sicht, ├Ąu├čerst positiven Nachricht und ist dann auch schleunigst zum Stellvertreter des Kommandanten gerannt, um sich zu erkundigen, was an diesen Ger├╝chten wahr sei.
Tats├Ąchlich wurde es auch den deutschen Kindern gestattet, diesen Schulbesuch zu nutzen. Nur wie sollte das geschehen, russische und deutsche Kinder in einer gemeinsamen Klasse?
Ernst und ich waren nat├╝rlich nicht sonderlich begeistert, als wir h├Ârten, was da auf uns zukommen sollte. Aber wir Kinder wurden ja ├╝berhaupt nicht gefragt. Es kam auf einen Versuch an und unsere Mutter schickte uns hin, denn sie hatte uns vorher in der Schule bei dem Direktor angemeldet.
Die Schule bestand aus zwei Altersklassen, die abwechselnd jeden zweiten Tag Unterricht hatten. In der ersten Klasse waren die acht- bis zehnj├Ąhrigen und in der zweiten Klasse die elf- bis vierzehnj├Ąhrigen Sch├╝ler versammelt. Die Lehrergemeinschaft bestand aus zwei Personen, dem Direktor und einzigen Lehrer sowie einer Lehrerin, die zugleich Sekret├Ąrin war und das Schreibzimmer besetzte.
Beide waren Milit├Ąrs, er Hauptmann und sie Oberleutnant, was wir an den Sternen auf den Schulterst├╝cken erkennen konnten. Der Direktor, Herr Wolodja, war ein gro├čer, hagerer, schwarzhaariger Brillentr├Ąger, der perfekt Deutsch sprach und wie sich sp├Ąter herausstellte, ein russischer Jude war.
Seine Stellvertreterin, Frau Tamara, war eine nicht allzu gro├če, ziemlich st├Ąmmige und auch schwarzhaarige Person mit geflochtenem Haar, das sie aufgesteckt trug. Auffallend bei ihr waren immer die blank gewienerten Stiefel, deren Sch├Ąfte ungew├Âhnlich viele Falten aufwiesen. Das war zu der Zeit modischer Chic. Aber nun sollte er endlich losgehen, der Unterricht in der doppelt gemischten Klasse: Jungen und M├Ądchen, Russen und Deutsche. Die erste Unterrichtsstunde war Erdkunde und das Thema war: Novaja Zeml`a.
Und schon hatten wir die erste Katastrophe. Wir, das hei├čt, mein Freund Bruno und ich, waren die beiden einzigen deutschen Sch├╝ler in der Klasse, hatten keine Ahnung, was das ist und zogen uns sogleich das Gel├Ąchter der Russenbengels zu. Herr Wolodja, der keine Landkarte hatte, schrieb den Begriff an die Tafel, einmal auf Deutsch und einmal auf Russisch.
Die Russen machten sich m├Ąchtig lustig ├╝ber unsere Schrift, und f├╝r uns waren die kyrillischen Buchstaben wie irgendwelche Zauberzeichen, wir konnten sie nicht lesen sollten aber den Begriff erst mal abschreiben.
Ein Rechen- und ein Schreibheft hatten wir zuvor bekommen. Das war ja was. Da wir nur einige Buchstaben kannten, die so wie unsere aussahen, wussten wir gar nicht, was wir da ├╝berhaupt abschrieben. Besch├Ąftigte sich Wolodja intensiv mit den russischen Kindern, kehrte bei uns Ruhe ein und wir sannen nach, wie kommen wir hier nur raus; wollte er uns etwas ausf├╝hrlicher erkl├Ąren, denn das war ja unumg├Ąnglich, begannen zwei Russen mit einer Balgerei, die auszuufern drohte, falls Wolodja nicht rechtzeitig eingreifen w├╝rde.Der Direktor fand jedoch schnell die beste L├Âsung und machte Pause. Pause in der Schule war schon immer gut. Jedoch hier, unter diesen besonderen Bedingungen, konnten wir sie mehr denn je gebrauchen. Aber in der Pause kamen wir uns noch verlassener vor. Bruno und ich standen irgendwo herum und betrachteten die Gr├╝ppchenbildung der anderen. Auch das gab es damals schon. Ein Klingelzeichen gab es nicht, und so pfiff Wolodja kr├Ąftig mit den Fingern, um mit der n├Ąchsten Stunde beginnen zu k├Ânnen. Es ging weiter mit Erdkunde, ohne dass wir inzwischen mitbekommen hatten, wo eigentlich dieses geheimnisvolle Novaja Seml`a liegt, immer weiter mit Novaja Seml┬┤a. Wolodja erkannte unsere Notlage, kam zu uns beiden an die Bank, nahm sein Notizb├╝chlein und versuchte uns die Lage der Insel aufzuzeichnen. Diese Situation nutzten prompt zwei Russensch├╝ler aus, die zuvor in der Stunde begonnene Streiterei fortzusetzen, was ihnen auch einigerma├čen gelang. Nun aber hatte Wolodja alle H├Ąnde voll zu tun, um die notwendige Unterrichtssituation wieder herzustellen. Er musste sich jetzt mehr um die russischen Kinder k├╝mmern, denn diese waren ohne Besch├Ąftigung. Und so qu├Ąlten sich beide Seiten redlich durch den Vormittag, bis wir dann endlich f├╝r diesen Tag nach Hause geschickt wurden. Zu Hause musste ich ausf├╝hrlich ├╝ber den ersten Tag berichten, denn morgen w├╝rde Ernst mit seiner Klasse dran sein. Ernst erging es ├Ąhnlich am n├Ąchsten Tag. Obwohl ich jetzt schon genug von dieser Schule hatte und keine Lust auf mehr, bat mich meine Mutter doch sehr eindringlich: ÔÇ×Geh’ doch bitte wieder hin! Es wird schon werden, aller Anfang ist schwer, und schaden kann es auf keinen Fall. Sie redete ohne Unterlass auf mich ein, bis ich mich doch breitschlagen lie├č und dann doch wieder zur Schule ging. Unterrichtsfach war, abermals Erdkunde, Thema: Die einzelnen Republiken der Sowjetunion. Der Unterricht vollzog sich in ├Ąhnlichen Bahnen wie am ersten Tag. Mal k├╝mmerte er sich um die russischen Kinder, dann um uns. Dieses Wechselspiel bestimmte den gesamten Unterrichtsablauf. Mitunter konnte man den Eindruck gewinnen, als w├╝rde Wolodja sich mehr um uns Deutsche k├╝mmern als um seine russischen Kinder, denn wir kamen uns doch sehr ├╝berfl├╝ssig vor. Das Thema ÔÇ×Sowjetunion“ lag ihm wohl sehr am Herzen. Er erz├Ąhlte dar├╝ber so ausf├╝hrlich und mit so gro├čer Leidenschaft, als m├╝sse er f├╝r sein Land, f├╝r sein Vaterland, so innig werben. Trotzdem konnten wir das Zeichen zum Stundenschluss kaum erwarten. Aber das Pausenleben war diesmal schon wesentlich interessanter, weil die russischen Sch├╝ler auf der Stra├če mit einem Spiel begannen, das wir nicht kannten, das sie Klipp nannten. Dieses Zweiparteien-Spiel, das dem deutschen Schlagballspiel ├Ąhnelt, unterscheidet sich lediglich dadurch, dass anstelle eines kleinen Balles ein kleines St├Âckchen geschlagen wird, vielleicht ja nur in Ermangelung eines Schlagballes, wer wei├č?
Wir fanden gleich Gefallen an dem Spiel, waren jedoch an diesem Tage nur Zuschauer. Ein weiteres positives Zeichen dieses Tages war, dass die Unterrichtspausen bedeutend l├Ąnger waren als sonst, vielleicht sogar l├Ąnger als die Unterrichtsstunde selbst. ÔÇ×Na, Heini, wie war es diesmal in der Schule?“, fragte meine Mutter. Meine Antwort darauf war etwas gespalten, halb positiv, halb negativ. Ich wollte nicht gleich alles verdammen, weil mir das Klippspiel so gut gefallen hatte, aber mit Novaja Seml`a und den vielen Sowjetrepubliken, das hing wir wirklich zum Halse heraus.
Und es wurde noch schlimmer: Als der gro├če ruhmreiche F├╝hrer der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Genosse Stalin, der eigentlich Jossif Wissarionowitsch Dchugaschwili hei├čt und als ├╝berm├Ąchtiger Generalissimus zum ├ťbermenschen gemacht wurde, kam ich mir doch recht ├╝berfl├╝ssig hier vor und hatte nur den einen Wunsch: so schnell wie m├Âglich raus. F├╝r mich war diese Schule hier beendet. Auch meine Mutter konnte mich nicht mehr umstimmen. Ich musste wieder zur├╝ck in die andere, in die Schule des Lebens, die schon auf uns wartete.
Anfang des Jahres 1948 war es dann endlich soweit, dass wir nach ├╝ber dreieinhalb Jahren wieder eine Staatliche Schule besuchten: Die Alexander-Puschkin-Schule in Rhinow/Mark Brandenburg. Ausf├╝hrlich ├╝ber den ÔÇ×Russischen Unterricht“ in Kaukehmen berichte ich in meinem Buch: ÔÇ×Nur nicht nach Labiau gehen!“, das man auch bei mir k├Ąuflich erwerben kann.
Heinrich Salomon, fr├╝her Tranatenberg, Kreis Elchniederung jetzt: 10437 Berlin, Gethsemanestr. 3, Tel: 030-4458740,
E-Mail: heinrich.salomon@web.de

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