Wappen des Kreises Elchniederung

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Die Kirche im Kreisort Heinrichswalde
Das Gut Neuhoff bei Kuckerneese
Demesne Neuhoff near Kuckerneese

Das Gut Neuhoff bei Kuckerneese
von Gabriele Bastemeyer. Quelle: Die Elchniederung, Heimatbrief Nr. 42 (2005), S. 47 - 55

Frau Edith Massalski geb.Thierbach aus Ziegelberg, die seit 50 Jahren in Australien lebt, besuchte im Jahre 1992 die Elchniederung und das Gut der Familie ihres verstorbenen Mannes Horst Massalsky, das Gut Neuhoff bei Kuckerneese. “Von den Gebäuden stand nichts mehr, überall nur hohes Unkraut. Die Russen hatten da aber 4 lange Viehställe mit dem Giebel zur Straße gebaut. Der eine Stall brannte, als ich da war. Kühe habe ich in der Umgebung nicht gesehen.” Frau Massalski schickte mir Fotos und Berichte über das Gut. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn die Geschichte des Kreises Elchniederung ist in früheren Jahrhunderten von den Gutsbesitzern entscheidend geprägt worden - wie überall in Ostpreußen. Die Puzzleteile der einzelnen Güter ergeben ein Gesamtbild, das neue Zusammenhänge der Geschichte des Kreises aufzeigen kann. Viele Informationen sind aber nur noch im Privatbesitz vorhanden oder schon verloren. Deshalb ist es so wichtig, diese privaten Informationen zu sichern. Die wünschenswerten Erinnerungen der Instleute, der Knechte und Mägde, der Kutscher und Köchinnen gibt es praktisch nicht mehr, ebenso wenig Fotos von ihnen. Dieser Personenkreis war mit der Mühsal des Alltags beschäftigt, hatte auch nicht die Bildungsmöglichkeiten und den finanziellen Spielraum der besitzenden Schicht. Ich kann deshalb nur immer wieder bitten, mir Erinnerungen an die Güter zuzusenden, bevor sie in den Familien verloren gehen, von Gutsbesitzern ebenso wie vom Personal der Güter. Jede kleinste Erinnerung ist Teil der Geschichte der Memelniederung und ihrer Besonderheit.
Edith Massalskis Schwiegervater Albert Rudolf MASSALSKY und seine Frau Gertrud geb. Genuth waren die letzten Besitzer des Gutes Neuhoff. Albert Massalsky war 1885 in Nausseden (Norweischen, seit 1938 Mühlmeistern) als Sohn des Gutsbesitzers Carl Rudolph Massalsky und seiner Frau Amalie Friederike Zerrath geboren. Albert hatte 1919 in Kaukehmen die Tochter des Kaufmanns Kork, Gertrud Anna Genuth, geheiratet. Als Deutschland den ersten Weltkrieg verlor, verlor auch Albert alles, denn er hatte sein ganzes Geld in Kriegsanleihen angelegt. Sein Vater und sein Schwiegervater kauften das Gut Transsau bei Laptau, Kreis Samland, das 145 ha groß war und das Albert Massalsky 1932 wieder verkaufen musste. Albert zog dann mit seiner Frau und den drei Kindern Horst, Rudi und Ruth nach Königsberg zu seiner verwitweten Schwiegermutter. 1935 kaufte Albert Massalsky als Anerbe das Gut Neuhoff von seiner Schwester Helene Selz geb.Massalsky (1882-1975), die nach Cranz zog, wo sie Häuser und Land an der Ostsee besaß.
1944 flüchteten Albert Massalsky, seine Frau und die Tochter Ruth mit vier Wagen in das Samland zu Verwandten. Albert Massalsky war im 1. Weltkrieg Hauptmann gewesen. Er wollte sich in Königsberg beim Militär melden, ist aber am 2. November 1944 in Königsberg bei seiner Schwägerin an Gehirnschlag verstorben. Albert Massalsky hatte drei Kinder, die Tochter Ruth Massalsky verehelichte Schneider (geb. 1923), den Sohn Rudolf (geb. 1921, gefallen 1944 in Ungarn) und Horst, geboren am 29.3.1920 in Königsberg, den ältesten Sohn. Horst Massalsky heiratete Edith geb. Thierbach, die, auf meine Bitte hin, mit großem Einsatz in kurzer Zeit alle Unterlagen über das Gut Neuhoff zusammentrug. Sie lebt seit 50 Jahren in Henley Beach, einem Vorort von Adelaide in Süd-Australien. Ihr Mann Horst Massalsky starb am 9.8.2001 in Adelaide. Der gemeinsame Sohn Frank besuchte 1998 die Elchniederung und fand den nach dem 2. Weltkrieg erbauten Viehstall des Gutes inzwischen völlig abgebrannt und ohne Dach. Frank Massalsky ist der letzte Massalsky vom Gut Neuhoff. Die Familie nennt sich jetzt in Australien Mahsalski. Helene Selz geb. Massalsky, die vorletzte Gutsbesitzerin, schrieb 1952 einige Erinnerungen an ihre Vorfahren, nach den Erzählungen ihres Vaters, auf. Die Massalsky sind von altem polnisch - litauischen Adel und waren in früheren Jahrhunderten Offiziere, Oberpräsidenten und Adelsmarschälle in Polen. Ein Massalsky soll sogar Fürstbischof in Wilna gewesen sein. Die ersten Massalsky in der Elchniederung waren nach ihrem Bericht zwei junge Grafen, die aus Glaubensgründen aus Polen flüchteten. Die Familie Massalsky führt ihren Ursprung bis auf den Ruß-Waräger Rurik zurück, den Begründer des russischen Staates, wie mir aus anderer Quelle bekannt ist. Nachgewiesenermaßen gehörten die Massalsky dem Hochadel an. In diesem Zusammenhang ist es spannend, einmal die Erinnerungen von Helene Selz aufzublättern.
“Ich erinnere mich, dass mein  Vater  (Anmerkung: Carl Rudolf Massalsky,1835-1925, Gutsbesitzer von Nausseden = Mühlmeistern) von einem Herrn von der polnischen Regierung aufgesucht wurde, der ihn beeinflussen wollte, den Adel wieder aufleben zu lassen. Es würde 3000 - 4000 Reichsmark kosten. Es hätte meinem Vater nicht viel ausgemacht, aber er sagte sehr klug, ich habe 5 Mädchen, die ja mal heiraten werden und 2 Söhne. In weitem Umkreis waren außer dem Grafen Keyserlingk keine Adligen da. Er sagte zu dem Mann: “Meine Kinder tragen den Adel im Herzen; so habe ich sie erzogen. Der ist mir mehr wert wie auf dem Papier”.Die letzten Eigentümer von Gut Neuhoff - Albert und Gertrud Massalsky mit den Kindern Horst, (Soldat) Rudolf und Ruth 1944
Helene Selz hatte das Gut Neuhoff nach dem Tode ihres Mannes Adolf Selz von 1927 bis 1935  mit einem Wirtschafter verwaltet, weil ihre Kinder Wilhelm (geb. 1904), Karl (geb. 1906) und Frieda (geb. 1908, verehel. Scholz) kein Interesse für die Landwirtschaft zeigten. Die Söhne studierten; Wilhelm Selz wurde Ingenieur und Karl Selz Staatsanwalt. Im Güterverzeichnis von 1922 ist Adolf Selz bereits als Gutsbesitzer von Neuhoff verzeichnet. Er war also mindestens von 1922 -1927 Eigentümer des Gutes, vermutlich länger. Adolf Selz ist am 25. Mai 1871 geboren und am 4. Februar 1927 verstorben.
Ich möchte aus meinen Forschungen noch einige Informationen zur Geschichte des Gutes in Kurzform nachtragen. Das Gut Neuhoff Kaukehmen lag in unmittelbarer Nähe der alten Gilge. Die erste mir bekannte Erwähnung des damals Neu Höfchen genannten Vorwerks datiert vom
 18.11.1675. Friedrich Wilhelm, Markgraf von Brandenburg, kaufte 1675 das Gut Kuckerneese von Wilhelm Reinhard von Halle . Dazu gehörten die Kirche Kaukehmen und die neun Vorwerke Skuldeinen, Das Wohnhaus von Gut NeuhofAlt-und Neu-Sköpen, Neu Höfchen, Kuckerneese, Neusorge, Leitgirren, Sellen, Jenischken und die Schäferei. 1736 lebten auf dem königlichen Domänenvorwerk Neuhoff der Administrator Schmidt, der Hofmann, ein Hirte und ein Gärtner mit ihren Familien, mit insgesamt 6 Kindern und drei Mägden. Das königliche Vorwerk Neuhoff wurde 1772 aufgelöst und zusammen mit dem Vorwerk Sellen an den Amtsrat Martin Heinrich CÖLER übergeben. Die Erbverschreibung wurde am 16. Juni 1772 in Gumbinnen ausgestellt und am 9.Juli 1772 in Berlin bestätigt. Die Größe des neuen Gutes Neuhoff betrug zur Zeit seines ersten Besitzers Cöler 11 Huben, 2 Morgen und 250 Ruthen oletzkoisch. Cöler selbst lebte 1784 in Kuckerneese und hielt auf dem Gut nur einen Verwalter. Er hatte sich dem König gegenüber verpflichtet, auf Neuhoff und Sellen zusammen 14 Familien anzusiedeln. Die Namen der neuen Bewohner des Dorfes Neuhof, insgesamt 9 Landwirte, sind in der Prästationstabelle 8 des Amtes Kuckerneese aus der Zeit um 1784 genannt: die “Ausländer” Peter Monckewitz und Jakob Andreas Karbautzky und die “Einländer”, also Inländer, Jurge Ruddies, Ensies Aleckna, Endrick Scheime, Ensies Pucknus, Ensies Endutteit, Johns Backschies und Hans Griguleit.  4 Huben, 23 Morgen und 178 Ruthen seiner 11 Huben nutzte Cöler selbst. Der Acker war 1784 von vorzüglicher Güte. Es wurden 150 Scheffel Korn (Roggen), 90 Scheffel Gerste,  50 Scheffel Hafer und 4 Scheffel Erbsen ausgesät. Wie man sieht, finden sich in den alten Archivalien oft interessante und handfeste Nachrichten. Die Wohnungs- und Wirtschaftsgebäude des Gutes sind ”ganz neu erbauet”. Das Gut Neuhof war damals der holländischen Windmühle Algawischken zugeordnet. Jedes Dorf musste nämlich zwangsweise bei einer vorbestimmten Mühle mahlen lassen. Martin Cöler war 1732 in Gerskullen als Sohn des späteren Amtmanns von Linkuhnen, Heinrich Cöler, geboren. Martin Heinrich Cöler war von 1761-1790 Generalpächter des Domänenamts Kuckerneese und  Amtmann des Amts Kuckerneese. Er war mit Johanna Friederike Schultz verheiratet. Martin Heinrich Cöler starb am 16. April 1801 auf seinem Gut Heinrichsfelde, Kirchspiel Kaukehmen. 1790 gehören Neuhoff und Sellen dem Amtmann ROCHOW, dem Schwiegersohn Cölers, der im selben Jahr auch das Gut Kuckerneese auf 12 Jahre pachtet. Zu dieser Zeit, im Jahre 1789, bitten die Bewohner von Neuhoff und Sellen um Ermäßigung ihrer Steuern, da sie infolge der Überschwemmung, wie seit sechs Jahren fast alljährlich, ihre Wintersaaten hätten umpflügen müssen. Ihre Wirtschaftsgebäude ständen regelmäßig 2-3 Fuß hoch unter Wasser.
1845 kauft Heinrich Wilhelm Hermann SPERBER das Gut Neuhoff Kaukehmen. Er ist 1821 als Sohn des Landrats von Ragnit, Gottfried Benjamin Sperber, geboren. 1849 verkauft er Neuhoff und erwirbt 1851 das Gut Adlig Prökuls im Memelland. Auf der Prökulser Heide wird Bernstein gefunden. Er richtet dort eine lohnende Bernsteingräberei ein. Am 4. Oktober 1867 stirbt er an Herzschlag. Er war in erster Ehe mit Emma Morgen verheiratet, die 1862 starb und ihm die zwei Söhne Max und Curt Sperber hinterließ. In zweiter Ehe heiratete er Lida Dressler. Die Tochter zweiter Ehe, Jenny Sperber verehelichte Kopp, wurde zu einer bekannten Autorin und Chronistin der Güter des nördlichen Ostpreußen. Leider hat sie in ihren Büchern nicht über das Gut Neuhoff berichtet. 1857 ist Frau BORN Besitzerin des kölmischen Gutes Neuhof. Im Besitz der Familie Born verbleibt das Gut mindestens bis 1905. 1879 wird Robert BORN als Besitzer des 318 Hektar großen kölmischen Gutes genannt. Er züchtet Holländer Vollblut, betreibt eine Käserei und ein Gestüt. 1880 wird der Landschaftsrat Born von Neuhof Kaukehmen Mitglied der Litauisch Literarischen Gesellschaft. Auch 1884 ist Robert Born noch Besitzer des Gutes, das einen Reinertrag von 7.176 Mark abwirft. 1905 finden wir Margarethe SCHULTZE geb. BORN und Johanna BORN als gemeinsame Besitzer des köllmischen Gutes Gut Neuhoff im MesstischblattNeuhof-Kaukehmen, mit dem Vorwerk Aschpalten. Neuhof ist jetzt nur noch 267 Hektar groß. An Viehbestand werden 55 Pferde, 128 Stück Rindvieh (davon 74 Kühe) und 25 Schweine genannt, keine Schafe. Die nächste Post befindet sich im 1,5 km entfernten Kaukehmen, zuständiges Amtsgericht ist ebenfalls Kaukehmen, zuständiger Standesamts- und Amtsbezirk ist Sköpen.In dem hochinteressanten Buch von Tolksdorf, Eine ostpreußische Volkserzählerin (Anm.:Trude Janz aus Gilgetal) findet sich die plattdeutsche Erzählung “An dem Algawischker Diek”, die sich meiner Meinung nach auf das Gut Neuhoff Kaukehmen bezieht. “On opp dem andre End von Kaukehme, doa wär e grootet Goot. On doa wär e Mutter met ehre Dochter on wertschaft...”. In der Erzählung wird der Niedergang des Gutes angedeutet und dass die beiden Besitzerinnen in der Alten Gilge Selbstmord verübten. Vielleicht hat noch jemand Erinnerungen an diese traurige Geschichte. Eigentlich müsste sie auch in den erhaltenen alten Zeitungen zu finden sein. 1907  wird die Gutsgeschichte für mich etwas unklar. Besitzer des Gutes Neuhof Nr. 1 mit Vorwerk Lisseiten  Nr.1, Größe 3.204,18 ha ist Gustav DOBINSKI, der Holländer Viehzucht und Pferdezucht (Warmblut) betreibt.. Um 1913/1920 scheint eine Aufteilung in zwei Güter stattgefunden zu haben. 1913 wird Hermann KUTZWOR aus Seckenburg als Besitzer des Gutes Neuhof-Kaukehmen mit 31 Hektar genannt, der in Neuhof eine Ziegelei betreibt. Im Güterverzeichnis von 1922 werden nebeneinander Leberecht BANSEMIR als Besitzer des Gutes Neuhof-Kaukehmen (Größe 36 ha, 5 Pferde, 14 St. Rindvieh, davon 10 Kühe) bezeichnet und der bereits erwähnte Adolf SELZ als Besitzer des Gutes Neuhof (Größe 96 ha, Grundsteuerreinertrag 2.373 Mark, 24 Pferde, 65 St. Rindvieh, davon 33 Kühe, keine Schweine u. Schafe).Im Güterverzeichnis von 1929 findet sich Helene Selz (Größe 93 ha, Grundsteuerreinertrag 2.376 Mark, 18 Pferde, 66 Rinder, davon 31 Milchkühe, 33 Schweine). 1932 ist das Gut Neuhof 96 Hektar groß. 9 Pferde, 65 Stück Rindvieh (davon 33 Kühe)und 15 Schweine tummeln sich dort noch. Besitzer ist weiterhin Helene SELZ.
1939 gehörte das Gut Neuhoff zur Gemeinde Gilgetal (Wietzischken). Der frühere Kirchspielvertreter von Kuckerneese, Manfred Allies, schreibt dort unter Nr. 21 Gut Neuhoff: Artschwager, Ernst (Besitzer bis 19...,
etwa 1942) Massalsky, Albert, letzter Besitzer, 1944. Früher Selz. Nr.22 Insthaus Neuhoff: Balscheit, Franz und Ehefrau Berta geb. Matzeit mit Töchtern Ella und Gerda. Außerdem - ohne dass die Namen bekannt sind - lebten im Insthaus die Wirtin, ein Dienstmädchen und ein Kutscher der Familie Massalsky. Nr.23 Insthaus Henning / Bansemir Nr.24 Bansemir, Lebrecht (Landwirt, Witwer mit Tochter? Eva - nicht verheiratet) Henning, Ewald und Ehefrau Luise geb. Bansemir mit 2 Töchtern.
Wer kann noch Weiteres mitteilen, z.B., wo der 1939 erwähnte Ernst Artschwager einzuordnen ist oder wie die namenlosen Angestellten der Familie Massalsky hießen? Ich würde mich auch über Nachrichten zum Gut Neuhof der Familie BANSEMIR freuen.
Interessant finde ich, dass das alte Gut Neuhoff von seinen Besitzern bis zuletzt in seiner sprachlich veralteten, aber historisch überlieferten alten Form geschrieben wurde. In den Kirchenbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts findet man noch häufig die Bezeichnung “Hoff”, gleichbedeutend mit “Hof”, für ein Gut oder Vorwerk.

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