Vier Hochmeister des Deutschen Ordens. Die Burg war Svon 1309 - 1457 Sitz des Deutschen Ordens. Man sieht Hermann von Salza 1209-1239 oder Hinrich von Kniprode 1351-1382
Innenansicht der Marienburg

Reisebericht von der Heimatkreisreise in die Elchniederung vom 02.08. - 09.08. 2012 mit Partner-Reisen von der Grund-Touristik GmbH & Co. KG von James-Herbert Lundszien und Horst Wolfgang  Nienke (Fotos)

Die Busreise begann 2. August 2012 in Hannover und führte mit kurzen Stopps in Magdeburg und Berlin bis nach Marienburg (Malbork) in Polen. Hier übernachteten wir direkt neben der Burg im Hotel Zamek. Einen längeren Zwischenhalt hatten wir in Gnesen (Gniezno). Gniezno gilt als älteste Stadt Polens!   ~ 820 km

Bei unserem Halt in Gniezno: Dom Mariä Himmelfahrt gegr. 965
Zuverlässig und sicher brachte uns unser Busfahrer Torsten Sowa  zu den Zielen
Hotel Zamek in Malbork am 3.8.2012
Was mag diesen Teufel aus der Burg so in Bedrängnis bringen? Unsere polnische Führerin sagte es uns! Er muss mal.
Die Gesamtansicht der Marienburg über die Nogat gesehen. Größte Backsteinburg der Welt
Der noch nicht renovierte Teil der Burg - ein Millionenobjekt
Toilette und Badezimmer auf der Burg, eine kalte Angelegenheit

Am 3. August 2012, unser 2. Reisetag fuhren wir nach der geführten Besichtigung der Marienburg weiter nach Frauenburg, dem heutigen Frombork. Der Ort wurde zum ersten Mal als Sitz des ermländischen Domkapitels 1282 erwähnt. Wesentlicher Grund für unseren Halt war, dass wir am Gedenkstein für die umgekommen Flüchtlinge am Frischen Haff einen Strauß niederlegen wollten. Unser Vorsitzender manfred Romeike hielt die Rede zum Gedenken an unsere verstorbenen Landsleute und Irmgard Fürstenberg, als Zeitzeugen, berichtete über ihre Flucht über das Eis. Danach ging es weiter über den neuen Grenzübergang von Heiligenbeil (russ. Mamonowo- Мамоново)direkt nach Tilsit (russ. Sowjetsk - Советск und litauisch Tilžė) zum Hotel Rossija. Von Fauenburg ~ 245 km

Kreisvertreter der Elchniederung Manfred Romeike hält die Gedenkrede
Gedenktafel für 450.000 deutsche Flüchtlinge aus Ostpreußen
Irmgard Fürstenberg berichtet als Zeitzeugin von ihrer Flucht
Das Hotel Rossija in Tilsit (Sowjetsk). Die Stadt heißt immer noch Sowjetsk obwohl es keine Sowjets meht gibt.

3. August 2012
Ankunft in unserem Hotel in Tilsit mit Lenin als Vorposten. Lenin steht noch in vielen Dörfern, in einigen wurde er aber auch entfernt. So z.B. in Herdenau oder Kuckerneese.

Am 4. August 2012, unser 3. Reisetag, fuhren wir nach Heirichswalde (russ. Slawsk - Славск -frei übersetzt Ruhmreiche Stadt). Slawsk (~4600 Einwohner)hat heute Stadtrecht und ist Sitz der Rajonsverwaltung. Wir waren als Kreisgemeinschaft Elchniederung zum Stadtfest (720 Jahre) eingeladen. Es gibt im Ort einige neue und auch renovierte Gebäude, aber vieles sieht noch sehr marode aus. Die Kirche wurde der Russisch Orthodoxen Kirche übertragen, was aber zwischenzeitlich geändert worden sein soll. Das Stadtfest war gut organisiert und wir wurden von der heutigen Bevölkerung angenehm freundlich aufgenommen. Tenor: Meine Heimat - Deine Heimat -frei nach Wolf von Lojewski!

Marode, aber bewohnte Häuser in Tilsit. Aufgenommen während der Busfahrt nach Heinrichswalde
Marode, aber bewohnte Häuser in Tilsit. Aufgenommen während der Busfahrt nach Heinrichswalde
Marode, aber bewohnte Häuser in Tilsit. Aufgenommen während der Busfahrt nach Heinrichswalde
Die Wurstfabrik in Slawsk
Bewohnte und genutzte Häuser in der Hauptstraße, die heutige Uliza Sowjetskaja
Bewohnte und genutzte Häuser in der Hauptstraße, die heutige Uliza Sowjetskaja
So sieht ein Haus aus, wenn es dann nicht mehr genutzt wird.
23-hw

Praktisch handeln können die Russen schon. Wenn die Nr. 61 gebraucht wird und es gibt nur noch die 19, dann einfach umdrehen.

Vor dem Museum in Slawsk
Hartmut Dawideit übergibt Herrn Watschislaw Kent eine Aussteuer für das Museum
Nasch Pajon - unser Kreis steht auf dem Plakat
Exponate aus deutscher Zeit
Die neue Russisch-Orthodoxe-Kirche im Kulturpark
Taufe des Stadtparkes in "Juri-Gagarin-Park"
Festreden und Grußbotschaften der Gäste zum 720. Jahrestag von Slawsk
Unsere Chefs - Hartmut Dawideit & Manfred Romeike freuen sich  auf ihren Einsatz
Aus Nah und Fern kamen die Gäste
Unsere Redakteurin des Heimatbriefes Frau Dawideit. Ganz Liks Herr W. Kent und im Hintergrund die Gäste.
Ortseingang von Slawsk in Beton und Symbolen

Am Nachmittag fuhren wir nach Groß Friedrichsdorf  (Гросс Фридрихсдорф) dem heutigen Gastellowo  (Гастеллово). Das Kirchspiel hatte früher ~ 5.500 Einwohner. Heute sind nur noch Rudimente da. Die Kirche ist Ruine und die ehemalige Schule, eine der modernsten Ostpreußens, steht vor der endgültigen Schließung. Irmgard Fürstenberg stammt von hier und konnte viel erzählen. Wenn ihr in der Ortsbeschreibung in dieser Homepage nachseht findet Ihr Spuren von Irmgard.  Letzte Station war dann Kreuzingen (Skaisgirren), heute Bolschakowo (Большаково).

Neben der Kirche steht diese Hinweistafel
Die Schule von Gr. Friedrichsdorf, bald Geschichte
Die Ruine der Kirche von Gr. Friedrichsdorf
Das ehemalige Pfarrhaus in Gr. Friedrichsdorf
Es wird auch in Gastellowo - Gr. Friedrichsdorf renoviert

Übrigens, die beste Grußbotschaft von allen deutschen Vertretern hielt
M. Romeike - einheitliche Meinung unserer Reisegesellschaft!

V.r. J.-H. Lunszien Autor des Berichtes), M. Romeike, Dr. Ziegler, Frau Ziegler geb. Romeike
Einfach und geschmacklich gut - der meist verputzte Teller.
Kreuzingen - links die ehemalige Kapelle ist ein Kaffee. Recht die Kirche
Das russische korrekter sowjetische Ehrendenkmal für die gefallenen Soldaten
Die Kirche ist Russisch-Orthodox, das war sie schon bei meinem vorherigen Besuch 2008

Am 5. August 2012, der vierte Reisetag,fuhren wir wieder nach Heinrichswalde, um einen gemeinsamen Gottesdienst mit der evangelischen Kirchengemeinde (ca. 60 Mitglieder) zu feiern. Anschließend war noch eine gemeinsame Stunde im Rahmen der Bruderhilfe im Gemeindehaus. Dann war die Ruine von Rauterskirch (Большие Бережки) auf dem Programm mit Besuch des dortigen Schwesternhauses. Danach fuhren wir nach Seckenburg und als Abschluss ein gemeinsamer Spaziergang in Tilsit von der Luisenbrücke durch die Hohe Straße zum Hotel.

Das Gemeindehaus der ev. Gemeinde wird renoviert
Pfarrer Semenukuff mit Überstzerin.
Manfred Romeike übergibt ein paar Präsente an Pfarrer Semenukuff.
Der kleine Kirchechor sang für die Gemeinde
Die Teilnehmer des Gottesdienstes
Die Slawsker hatten uns zu einem kleinen Imbiss eingeladen.
Gemeindeschwester Maria mit Bärbel Dawideit.
Hinweistafel zur Kirchenruine von Rauterskirch (Bolschije Bereschki-)
Herr Westphal begrüßte die ruussischen Einwohner.
Der Weg zur Kirchenruine
Manfred Romeike mit seiner Schwester Frau Ziegler in der Ruine
Die Ruine wurde von allen Seiten fotografiert - hier von außen.
Frau Lundszien fand ein schattiges Plätzchen
Die Tiere am Ufer der Gilge wussten auch. wie man sich wohlfühlen kann
Störche auf der Kirchenruine von Rauterskirch
Auch die Gemeindeschwestern hatten uns bewirtet.
Das Schild der Station. Hierin das deutsche Wort "Feldscher".

Seckenburg  (Sapowednoje - Заповедное)    früher ~1.400 Einwohner

Die Kirche von Seckenburg. Ein eingezäuntes Gelände.
Baumaterialien steht auf dem Schlid dieses Hauses

Gelegentlich konnten wir uns auch mal über kleine Dinge freuen. Hier war es eine Art von Rhabarberblatt vom Ufer der Gilge bei Seckenburg

Der Initiator Wolfgang Nienke mit Hartmut Dawideit
Die Eleganteste - Bärbel Dawideit
Für Dieter Wenskat war es eine ernste Angelegenheit
Unsere Reiseleiterin Tatjana  fühlte sich sichtlich unwohl, aber da musste sie auch durch!
Karola  amüsierte sich köstlich
Irmgard Fürstenberg hatte auch keine Einwände, ihr Mund drückt aus: Ist das fein!
Ein Ringgrill- effektiv bei dem Ansturm

1. Reisetag   Gnesen - Marienburg

2. Reisetag Marienburg - Frauenburg - Tilsit

3. Reisetag  Heinrichswalde-Gr. Friedr.-Kreuzi.

4. Reisetag Heinrichsw. -Rauterskirch-Seckenb.

1. Gruppenfoto
 
vor der Kirchenruine Rauterskirch

2. Gruppenfoto
vor dem Tilsiter Elch in Tilsit

3. Gruppenfoto
vor dem Schloss Podewil bei Krag in Polen

5. Reisetag   Heinrichswalde      Kuckerneese Herdenau   Karkeln    Pait    Inse    Rautersdorf

Als Höhepunkt des vierten Reisetages fuhren wir zurück nach Tilsit und unsere Reiseleiterin Tatjana Udovenko führte uns vom Memelufer und der Luisenbrücke über die Hohe Straße zu unserem Hotel Rossija. Ein hohes Lob für unsere Reiseleiterin, die jede Straße mit alten und neuen Namen kannte, die über die Geschichte alter Häuser gute Kenntnisse hatte und auch geschichtlich fundamentiertes Wissen hatte. Das gilt auch für die vielen Dörfer, die wir besuchten oder nicht mehr besuchen konnten, weil sie nicht mehr existierten. Diese Fotos und Fotos von eigenen Erkundungen in Tilsit habe ich der nachfolgenden Fotoschau zusammengefasst. Sie können diese Fotoschau selbst steuern und wiederholt aufrufen. Dafür sind die Pfeile am unteren Rand eingerichtet.
Eine Frage drängt sich einem immer wieder auf: Warum benennen die Russen nicht endlich wieder Sowjetsk in Tilsit um? Den Sowjet gibt es nicht mehr.  Es gibt inzwischen das Grenzlandtheater, welches “Tilsiter Theater” heißt oder ein Hotel mit dem Namen “Tilsiter Hof”, dann verschiedene Getränke, Radiosender  u.v.m. Die Litauer haben Tilsit immer als Tilsit bezeichnet und so könnte man den schleichenden Wandel beliebig fortsetzen. Eigentlich hätten die Russen so gesehen auch nicht Leningrad in Sankt Petersburg umbenennen  dürfen. Mal sehen was die Zukunft bringt. Tilsit hat  heute ~ 41.000 Einwohner.

Hier geht es weiter mit dem 5. Reisetag

Gruppenfoto vor dem Elch in Tilsit. Mit dem Ballon: Reiseleiterin  Tatjana Udovenko von  Swena Tours

Abschlussfoto der Reisegruppe vor dem Tilsiter Elch

Gruppenfoto vor der Ruine der Kirche von Rauterskirch

Unser erstes Gruppenfoto vor der Kirchenruine von Rauterskirch

James-Herbert Lundszien -TextberichtWolfgang Nienke - Fotobericht
Nachfolgend möchten wir Ihnen einen kombinierten Reisebericht vorstellen. Hierin schildert Ihnen James-Herbert Lundszien seine Reiseeindrücke und Erlebnisse und von Horst Wolfgang Nienke gibt es als Ergänzung viele Fotos zu sehen.
Den Bericht von J.-H. Lundszien können Sie auch am Stück lesen, denn am Ende eines jeden Abschnittes gibt es einen Link zum nächsten Reisetag seines Berichtes. Wir wünschen Ihnen viel Freude an diesem Beitrag.

Wenn einer eine Reise tut, dann hat er was zu erzählen...  von James-Herbert Lundszien

Unser Reisebus von Grund-Reisen
Seit mehreren Jahren reden meine Brüder und ich darüber, dass wir unbedingt mal mit unserem Vater nach Ostpreußen müssen, um die Orte seiner Kindheit kennen zu lernen und uns möglichst viel erzählen zu lassen. Immer wieder verschoben. Seit einigen Jahren engagiere ich mich in der Kreisgemeinschaft Elchniederung und bin mittlerweile der 2. stellvertretende Vorsitzende. Bei diversen Treffen wird über die Heimat gesprochen, über Reisen dorthin und Einzelheiten, die die meisten Anwesenden kennen und sich darüber austauschen. Immer wieder kommt die Frage, „Warst Du schon in der Heimat?“ Nein ich war noch nicht da, muss ich jedes Mal einräumen. Irgendwas hält mich immer wieder ab. Was es wohl ist? Aber auf dem letzten Treffen in Bad Nenndorf im Herbst 2011 werden Pläne geschmiedet. Wir wollen mit allen Kirchspielvertretern und dem Vorstand eine gemeinsame Reise in die Heimat, die Elchniederung, machen, in der so viel Wissen wie möglich von der Zeitzeugen - Generation an die Nachgeborenen - Generation weitergegeben werden soll. Peter Westphal übernimmt die Planungen und irgendwann steht ein Termin fest. Leider werden doch nicht alle Kirchspielvertreter und Vorstandsmitglieder auf die Reise gehen können. Alter und Gesundheit schieben den einen oder anderen Riegel davor. Unsere Reisegruppe wird durch weitere Mitreisende „aufgefüllt, die sich uns gerne anschließen und auch in die Heimat reisen möchten. Fast 70 Jahre nachdem mein Vater seine Heimat verlassen hat, werde ich dorthin reisen und sie mit eigenen Augen sehen! Am 2. August 2012 geht es dann richtig los. Meine Frau und ich sind war schon am Vortag Zuhause weggefahren und haben in Lehrte übernachtet. Wäre schrecklich, wenn wir die Abfahrt des Busses wegen eines Staus auf der Autobahn verpassen. Lieber auf Nummer sicher gehen. Das aufregende Gefühl, welches jeden Entdecker beschleicht, beginnt morgens um 7:25 Uhr, als wir in Lehrte vom Betriebshof unseres Reiseunternehmens abfahren. Um 8:00 Uhr sammeln wir Zusteiger am Busbahnhof in Hannover und um 10.00 Uhr noch mal Zusteiger an einer Tankstelle in Magdeburg auf. Um 12:00 Uhr in Berlin - Schönefeld am alten S-Bahnhof stoßen die letzten Zusteiger zu unserer Reisegruppe hinzu, dann geht es los in Richtung Polen. Irgendwann erreichen wir den Grenzübergang Frankfurt/Oder und passieren wenig spektakulär die Grenze zu Polen. Wir fahren ber gut ausgebaute Autobahnen; im Bus hört man immer wieder die geäußerte Vermutung, alles sei aus EU-Mitteln bezahlt und wer bezahle es am Ende wirklich? Deutschland natürlich. Ist noch ein weiter Weg, sich als „eins“ in Europa zu verstehen. Ob das so bald gelingt, ist angesichts des Umstands, dass wir innerhalb von Deutschland mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch weit entfernt von Normalität sind, sehr fraglich. Ich jedenfalls verspüre Stolz auf unsere wirtschaftliche und finanzielle Stärke. Wir können uns etwas leisten! Durch teilweise menschenleeres Polen geht die Reise, dann und wann sieht man neue Hauser, denen man den neuen Reichtum der Eigentümer ansieht. Aber auch viele Häuser, denen man einerseits ihr Alter und andererseits am Baustil besonders die früheren Eigentümer erraten kann. Einige größere Stopps werden für die menschlichen Bedürfnisse eingelegt. Einzig erwähnenswert ist der Halt an der Kathedrale, dem Dom von Gnesen/Gniezno. Papst Johannes Paul II muss hier eine Messe gelesen haben, scheint jedenfalls auf einem Gedenkstein festgehalten zu sein. Dann geht die Fahrt weiter zum Ziel des 1. Tages, Marienburg/Malbork an der Nogat. Auch wenn Manfred Romeike kurz vorher sagt, „Jetzt sind wir in der Heimat angekommen.“ stimmt das wohl noch nicht so ganz. Offizielle Schautafeln zur Marienburg sprechen von ihrer Zugehörigkeit zu Westpreußen. Aber wir sind schon ganz nah dran, an der „Heimat“. Das Essen im Hotel direkt an der Marienburg war gut. Noch besser war der Blick auf die in der nächtlichen Dunkelheit angestrahlte Marienburg, wirklich ein toller, unvergesslicher Anblick!!! Hier war ich vor einigen Jahren schon einmal. Aber das ist eine andere Geschichte.               Weiter im Text mit dem 3. August 2012                      

3. August 2012
 Beginnend mit einem guten Frühstück im Hotel an der Marienburg, verspricht der Tag einiges zu bieten. Ein großer Teil der Gruppe macht die Führung durch die imposante Burganlage mit. Von Maria, der polnischen Führerin, erhalten wir einen kompetenten, politisch durchaus ausgewogenen Überblick über fast 800 Jahre wechselhafte Geschichte und auch wechselnde Eigentumsverhältnisse dieser Burg. Nach ihrer Schilderung schaut der heutige Hochmeister des Deutschordens ab und zu vorbei, um sich über die Fortschritte der Rekonstruktion der durch den Krieg verursachten Beschädigungen zu informieren. Auf einen Blick kann man die enormen Schäden auf einem an die Wand angebrachten Bild betrachten. Polen leistet einen enormen Beitrag zur Wiederherstellung des einstigen Zustandes der Burganlage. Dann brechen wir zu einem im Reiseplan nicht vorgesehenen Zwischenstopp in Frauenburg/Frombork auf. Im Dom liegt Kopernikus begraben. In Thorn/Thorun geboren, wird er heute als ein echter Sohn Polens betrachtet. Was auch immer das bedeuten mag. Was ist denn ein unechter Sohn? Einen ersten tief bewegenden Moment erleben wir gemeinsam im Park an dem von der Kreisgemeinschaft Braunsberg errichteten Gedenkstein für die rund 450.000 über das zugefrorene Haff geflüchteten Ostpreußen. Manfred Romeike spricht einige dem Ort angemessenen Worte und lässt uns zum Gedenken schweigend verharren. Wir legen ein Blumengebinde nieder. Irmgard Fürstenberg, eine der lebenden Zeitzeuginnen, die uns auf der Reise begleiten, erlaubt uns einen berührenden Einblick in ihre Erinnerungen an schreckliche Tage auf der Flucht, die jetzt wieder in ihr hochsteigen. An wackelndes, schon mit Tauwasser bedecktem Eis, Beschuss von oben durch Flugzeuge, sterbende Menschen und im eiskalten Wasser versinkende Pferdefuhrwerke mit ihren Insassen, Vergewaltigungen und andere schreckliche Erlebnisse, die für mich als einem nach dem Krieg Geborenen irgendwie irreal erscheinen. Und alle Strapazen und Schrecken umsonst, am Ende von den Russen doch eingefangen zu werden und zurück transportiert zu werden, um schließlich 1948 Ostpreußen endgültig verlassen zu müssen. (Als ich vor einigen Jahren an dieser Stelle stand, war es nur ein Gedenkstein. Jetzt hatte er sich mit einer Geschichte verbunden und das fühlt sich anders an.) Einige werfen einen kurzen Blick auf den Dom, andere wenden sich dem Haff zu und erhaschen einen Blick auf die gegenüberliegende Frische Nehrung. Irgendwo dort drüben hatte meine Großmutter mit Ihrer Familie wieder festen Boden unter den Füßen auf ihrer Flucht über das trügerische Eis gehabt. Ein plötzlich dunkel werdender Himmel lässt dann alle schnell zum Bus zurückkehren. Manche schaffen es nicht mehr rechtzeitig, bevor der Himmel seine Schleusen öffnet und es im wahrsten Sinne des Wortes wie aus Kübeln schüttet. Gegen 13:30 Uhr geht es weiter zur polnisch-russischen Grenze. Der Grenzübergang weckt Erinnerungen an Zeiten, in denen Deutschland als Verlierer des Krieges und noch fernen EU-Zeiten nicht so einfach verlassen bzw. bereist werden konnte. An einer der Außengrenzen der EU wird heute gründlich kontrolliert. Es ist kompliziert. Erst ein polnischer Posten, an dem es ziemlich schnell geht. Dann geht es zum russischen Kontrollposten, an dem es noch etwas gründlicher und zeitintensiver zugeht. Aber andere, die schon häufiger nach Russland eingereist sind, empfinden den Grenzübertritt als schnell. Und dann sind wir im nördlichen Teil Ostpreußens angekommen, der Region aus der meine Vorfahren väterlicherseits stammen. Der Regen, der jetzt unaufhörlich in unterschiedlichen Intensitäten vom Himmel fällt, drückt auf meine Stimmung. Was mache ich hier eigentlich? Warum bin ich hierher gekommen? Meine Großmutter, die mit ihren beiden Kindern von hier vor den Russen geflohen ist, wäre sicherlich nicht hierher zurückgekehrt. Auch nicht fr einen Besuch. Sie hat keinen Grundbesitz zurückgelassen. Nur ein hartes entbehrungsreiches Leben. Als gläubige Christin dankte sie zeitlebens Gott dafür, dass er sie den Krieg hat überstehen lassen und sie rechtzeitig aus Ostpreußen vor dem Zugriff der Russen herausgekommen war. Aber ich bin jetzt hier, und es regnet, regnet, regnet. Ist es ein Omen? Kurz vor Tilsit/Sovetsk fahren wir durch Argenbrück/Novokolhoznoye. Als der Ort noch Neu-Argeningken hieß, wurde hier mein Großvater geboren (1908). Aus der Kirchenruine, die rechter Hand der Hauptstraße liegt, in der er getauft wurde, kommt aus der türlosen Öffnung eine Kuh. Merkwürdig. Hier in diesem Ort haben meine Vorfahren über viele Jahre gewohnt, aber niemand nimmt davon Notiz. Tanja, unsere russische Reisleiterin, die kurz nach der Grenze zu uns zugestiegen ist, redet und redet über das, was uns im Hotel und am nächsten Tag erwartet. Eventuell bei mir aufkeimende Heimatgedanken gehen einfach in den Alltagsbanalitäten unter. Was passiert in Tilsit? Was gibt es wann zu essen? Wann und wo kann Geld getauscht werden? Auch  die Einfahrt in Tilsit/Sovetsk ist dann wenig spektakulär. Schmale Straßen, deren Belag noch aus deutscher Zeit stammt, werden durchfahren. Sicherlich passieren wir Gebäude, deren frühere Bedeutung oder Nutzung erwähnenswert gewesen wäre, aber unsere mentale Vorbereitung auf das Einchecken im Hotel hat einfach eine höhere Priorität. Ach ja, und es regnet, regnet, regnet... 40 Reisende checken im Hotel Russija ein. Ein einziger Aufzug, der fünf Etagen bedient. Das dauert schon seine Zeit, bis meine Frau und ich auf dem Zimmer sind. Unser Zimmer liegt mit Blickrichtung zur früheren Hohe Straße. Der erste Blick fällt auf einen stummen Lenin, der uns den Rücken zukehrt. der zweite Blick fällt auf den Tilsiter Elch, der auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes aufgestellt ist, uns jedoch nicht unmittelbar anschaut. Sein Blick ist leicht nach links auf die berühmte Straße gerichtet. Auf diese bin ich sehr gespannt. Irgendwo hat hier mein Vater für wenige Monate bei Diakonissen gewohnt, weil er hier in Tilsit die Knaben-Realschule besuchte. Nach den Erzählungen meiner Oma war es schon etwas Besonderes, weil Kinder von Landarbeitern in der Regel keinen besseren Schulabschluss als Volksschule erreichten. Höhere Schulen waren den Kindern der Gutsbesitzer oder Wohlhabenden vorbehalten. Aber Oma sagte damals schon, dass er es besser haben sollte. (Das scheint sich über die Jahre nicht verändert zu haben, Kinder sollen es irgendwie immer besser als die Eltern haben.) Und das zu einer Zeit, als sich Deutschland schon mehr als vier Jahre in einem die Welt in Atem halten den Krieg befand und niemand wusste, wie es jemals enden würde. Mit der Evakuierung im Herbst 1944, aufgrund der sich nähernden Front, endete diese Episode des Schulbesuchs allerdings schnVorspeise - Salatell. Aber heute VorsuppeAbend geht es nur noch darum, etwas in den Magen zu bekommen und sich im schönen Hotelzimmer einzurichten. Das erste Abendessen, bestehend aus Vorspeise, Vorsuppe, Hauptgericht und Nachspeise ist schmackhaft. Zur Nachspeise, einem sahnigen Stückchen Kuchen gibt es frisch aufgebrühten Kaffee, der mich an meine Kindheit erinnert. Nicht unbedingt wegen des Geschmacks, sondern wegen des Kaffeesatzes, der sich erst einmal am Boden der Tasse niederlassen muss. Und dann muss er langsam getrunken werden, damit der Satz dort bleibt, wo er hingehört: Auf dem Boden der Tasse. Er schmeckt aber gut und später schlafe ich das erste Mal in Tilsit, nicht weit entfernt von dem Haus, in dem min Vater vor fast siebzig Jahren schlief, ein seltsames Gefühl.                  Weiter im Text mit dem 4. August 2012                                                                                                                                     

Zum 5. Reisetag

Frauenburg   Frombork

Tilsit   (russ. Sowjetsk  Советск;  litauisch Tilžė)

Bewohnte Häuser im heutigen Sowjetsk. Fast wie zum Ende der DDR im Jahre 1989. Am Ende dieser Seite zeigen wir renovierte Häuser in der Hohen Straße von Tilsit.

4. August 2012
Der Wecker geht früh. Zu früh! Noch unausgeschlafen genieße ich das erste Frühstück im Hotel Russija, einige ungewohnte Bestandteile, aber insgesamt sehr reichhaltig und lecker. Und dann geht es um 9 Uhr los! Nein, es geht nicht wirklich los. Die Mitglieder unserer Reisegruppe müssen erst noch Geld tauschen. Weil die eine Bank erst 10 Minuten später aufmacht, verlagert sich die Schlange an ein anderes Geldinstitut. Als alle mit ausreichend Rubeln versorgt sind, geht es wirklich los. Das Ziel des heutigen Tages ist Heinrichswalde/Slawsk. Für mich, der nicht in Ostpreußen geboren ist, stellt sich die Frage nach dem „richtigen“ Ortsnamen. Heinrichswalde? Slawsk? Am Ende dieses Besuchstages gelange ich zu meiner persönlichen Überzeugung, dass dieser Ort wohl richtig heißen müsste, „Slawsk, ein Ort der früher einmal Heinrichswalde war“. Auch wenn der eine oder andere erzählt, wie die deutschen Bewohner dieses oder jenes Hauses hießen, berührt dies in mir keine Saiten. Viele Hauser sind in einem desolaten Zustand. Andere, neue Häuser sind in einer nicht in das Ortsbild passenden Bauweise errichtet worden und sehen teilweise älter aus, als die viel früher von Deutschen errichteten Häuser. Dies alles hat zur Verfremdung des ursprünglichen Ortsbildes geführt. Sicherlich sähe dieses ohne den Krieg heute auch ganz anders aus, als vor siebzig Jahren. Mein Heimatort in der Nähe von Aachen ist mittlerweile auch weit entfernt von dem geistigen Auge meiner Kindheit. Einige Häuser existieren nicht mehr, manche Straßenzüge haben sich absolut verändert. Aber der veränderte Blick löst keine schmerzhaften Gefühle aus. Auf dieser Reise jedoch ist der Schmerz Einzelner bei der Betrachtung des ursprünglichen Wohnortes immer wieder spürbar. Vermutlich, weil diese Heimat verlassen werden musste und nicht wie bei mir, das Weggehen von einem Wohnort immer eine freiwillige Entscheidung war. Weg von trübsinnigen Gedanken. Heinrichswalde war auch der Kirchspielort zu dem Sandfluss, später Lindental genannt, gehrte. Dort war mein Urgroßvater geboren worden. Schon aus der Anfahrt aus Tilsit kommend, kann man den Kirchturm sehen. Aus der Entfernung richtungsweisend und majestätisch. Aus der Nähe dann doch zerbrechlich und dem Verfall näher als der weiteren Existenz. Auf der Rückseite des Gebäudes eingeworfene Fensterscheiben, vor dem Gebäude ein einzelner alter Grabstein. Alles etwas morbid und trotzdem irgendwie ein imposantes Zeugnis vergangener Tage. Und dann der Ort, geprägt von der zentralen Durchgangsstraße, Festpark "Juri Gagarin" mit russ.- orthod. Kircheder früheren Friedrichstraße. Auch hier eine Mischung aus Verfall, Plattenbau und wunderschön, nach westlichem Standard sanierten Häusern aus deutscher Zeit. Und plötzlich wird der Verlauf der Straße jäh unterbrochen. Ein großer runder Platz, der sicherlich überall auf der Welt hinpasst, nur nicht hier, wurde unter Einbeziehung der alten Straße angelegt. Von hier aus wird später der Festumzug aus Anlass des 720jährigen Bestehens von Heinrichswalde/ Slawsk starten. Dieses Fest ist der Hauptgrund unseres Hierseins. Wir sind als offizielle Gäste dazu geladen worden. Einer der Gastredner auf der Bühne des Festareals ist Manfred Romeike. In seiner Ansprache mahnt er, die Vergangenheit nicht zu vergessen, um daraus etwas Beständiges für die Zukunft zu erhalten. Der Beifall ist deutlich intensiver als beiden anderen Rednern (vielleicht bilde ich es mir aber auch nur ein). Ich werte dies als ein Zeichen dafür, dass wir hier willkommen sind. Ansonsten ist das Fest wie alle Feste auf der Welt: gutes und fettes Essen, reichlich Getränke insbesondere alkoholischer Natur, bunte Aufblasspielwelten, Verkaufsstände für Erinnerungsstücke und anderes fröhliches Treiben. Was aber auffällt, ist die auerordentlich festliche Kleidung der Russinnen und Russen, die diesem Aller-Welts-Treiben eine ganz andere Note verleihen. Ach ja, regnen tut es nicht, die Sonne lacht von einem blauen Himmel. Schön ist es hier. Am Nachmittag brechen wir auf, um Groß Friedrichsdorf/Gastellowo zu besuchen. Irmgard Fürstenberg, unsere Zeitzeugin und aus diesem Ort stammend, beschreibt eindrucksvoll, wie bevölkert die Orte auf dem Weg einst waren. Sie teilt mit uns ihre Erinnerungen, die wachgeblieben sind oder bei vergangenen Besuchen zurückkamen. Beispielsweise fand sie damals die Johannisbeersträucher auf dem nicht mehr vorhandenen Hof ihrer Großmutter. Zu vielen Häusern kann sie die Namen der ehemaligen Bewohner nennen. Am eindrucksvollsten ist ihre Beschreibung ihrer Schule, die damals eine der modernsten Schulen im Deutschen Reich gewesen sein muss. Sie ist noch relativ intakt und wird noch heute als Schule genutzt. Viel trauriger dagegen ist der Ruinenrest der Kirche von Groß Friedrichsdorf. Irmgard Fürstenberg, die sich aufgrund ihres hohen Alters gefühlt auf ihrer letzten Reise nach Ostpreußen befindet, lässt uns an ihren Emotionen teilhaben. (Vielen Dank dafür!) Besonders emotional ist auch der Abstecher nach Gerhardsweide/ Ochotnoje Dieter Wenskat übermannen die Gefühle, als wir durch den relativ gut erhaltenen Ort fahren und er uns die Häuser zeigen kann, in denen früher sein Onkel und sein Großvater lebten. Und dann fahren wir noch durch Kreuzingen/Bolschakowo und legen einen kurzen Stopp ein. Dieser Ort hatte früher und auch heute seinen Namen zu Recht. Eben wegen des Aufeinandertreffens von Straßen aus verschiedenen Direktionen. Zurück geht es nach Tilsit, über Neu-Argeningken. Und wieder ist nicht der Ort das Thema, sondern das Programm des nächsten Tages. Ein eigentümlicher Tag geht zu Ende. Fröhliche Feierei unmittelbar neben traurigen Erinnerungen und damit unterschiedlichen Empfindungen, eben ein Wechselbad der Gefühle.
        Weiter im Text mit dem 5. August 2012               

Heinrichswalde  (russ. Slawsk - Славск; litauisch Gastos)    Ende Januar 2013 hat Kaliningrad beschlossen: Die Kirche wird renoviert. Beginn noch 2013

Groß Friedrichsdorf (russ. Gastellowo  Гастеллово)

Kreuzingen (Groß Skaisgirren; russ. Bolschakowo Большаково)

5. August
Wir brechen auf zum Gottesdienst nach Heinrichswalde/Slawsk. Nicht in der Kirche, die aufgrund der Besitzverhältnisse für uns nicht nutzbar ist. Wir begehen den Gottesdienst im evangelischen Gemeindehaus. In dem in einer Seitenstraße gelegenen Haus mit neugedecktem Dach und neuen Fenstern nehmen wir an einem deutsch-russischen Gottesdienst teil. Wie selbstverständlich ist die Zweitsprachigkeit während des Gottesdienstes und der gemeinsame Glaube verbindet die Anwesenden. Am Rande des Gottesdienstes wird an die deutschstämmigen Bewohner der Elchniederung die Bruderhilfe der Landsmannschaft Ostpreußen verteilt. Eine kleine finanzielle Hilfe an unsere Landsleute in der alten Heimat. Wir werden am Ende des Gottesdienstes aus dem Raum hinauskomplimentiert, weil schnell „umgebaut“ wird, Tische hingestellt und gedeckt und wir noch zu einem Imbiss eingeladen werden. Viele Teller mit belegten Broten, Teller mit Keksen und Schokoladen, Kaffee, Tee und Wasser werden uns angeboten. Sehr reichhaltig und sehr herzlich die Zuwendung! Dann geht es per Bus oder Fußmarsch noch einmal zum Heimatmuseum. Einige von unserer Reisegruppe hatten es schon am Vortag besucht. Aber Herr Kent freut sich ber die zahlreichen Besucher, denen er die Räumlichkeiten und Exponate erklären kann. Damit endet unser heutiger Besuch in Heinrichswalde/ Slawsk und wir brechen nach Rauterskirch/ Bolschije Bereschki auf. Jetzt übernimmt Peter Westphal die Reiseleitung und beschreibt während der Fahrt intensiv seine Bemühungen zur Rettung der Kirchenruine. Zugleich hat er vor Ort ein Netzwerk aufgebaut, das auch der sozialen Hilfe der im Ort lebenden Bevölkerung zugute kommt. Diese scheint ziemlich arm zu sein und stellt ich nach Ankunft unseres Busses auf, um unsere mitgebrachten Geschenke in Empfang zu nehmen. Eine Schwester aus der Sozialstation begrüßt uns stellvertretend ganz herzlich und dankt für unser Kommen. Das Verteilen der Geschenke hat dann etwas Bizarres. Das Bild erinnert an die portugiesischen Entdecker der neuen Welt bei ihrem ersten Treffen mit den Indianern oder auch von reichen Kolonisten in Schwarz-Afrika. Jeder verteilt das von ihm Mitgebrachte nach eigenem Gutdünken und bei mir bleibt ein Gefühl von Scham und Ungerechtigkeit zurück, dass nicht alle gleichmäßig bedacht werden (können). Und ...es ist hei, über 30 Grad, Sonnenschein von einem strahlend blauen Himmel über ostpreußischer Landschaft! Dann wandert unsere Karawane in Richtung Kirchenruine. Es geht leicht bergauf in Richtung eines Deiches. Meine Spannung steigt etwas an, gleich werde ich zum ersten Mal in meinem Leben die Gilge sehen. Der Abzweig der Memel, von dem ich so viel gehrt habe und von dem mein amerikanischer Cousin Randy in einer verklärenden Art und Weise spricht (ohne jemals selbst hier gewesen zu sein). Und dann stehe ich auf der Deichkrone und sehe den Fluss, der leise behäbig bzw. träge vor sich hinzieht. Störche in den Uferwiesen, eine Ruhe und Stille. So idyllisch! Wir wenden uns nach rechts und folgen dem, was man bei uns einen Wirtschaftsweg nennt. Nach etwa hundert Metern öffnet sich eine Lücke im Baumbestand und der großen Hecke und der erste Blick auf die Kirchenruine ist möglich. Hier wurden meine Vorfahren zwischen 1700 und 1780 getauft, verheiratet und es wurden ihnen hier Totenmessen gelesen. Auf der davor stehenden Bank sitzend, frage ich mich, was sie gedacht, gefühlt haben, wenn sie aus ihren Dörfern jenseits der Gilge kamen, um hier am kirchlichen Leben teilzunehmen. War der Weg beschwerlich? Was hat ihnen der Kirchenbesuch gegeben? Waren sie Teil der sozialen Gemeinschaft? Wie gingen die Menschen damals in dieser Gegend miteinander um? Nichts ist in unserer Familie an Wissen überliefert und so bleiben die Fragen unbeantwortet. Von hier aus kehren wir in die Sozialstation ein, wo auch ein Imbiss bereitgehalten wird. Dafür, dass uns die Armut der Menschen hier eindringlich beschrieben wurde, werden wir wirklich fürstlich bewirtet. Belegte Brote, Süßigkeiten, Kaffee, Tee und hochprozentiger, selbstgebrannter Schnaps. Nach einem intensiven Austausch mit den Rauterskirchern steigen wir wieder in unseren klimatisierten Reisebus und brechen Richtung Seckenburg/Zapowednoe auf. Schade, dass Anneliese Schalk uns nicht begleiten konnte, aber Manfred Romeike, der früher schon einmal mit ihr in Seckenburg war, hat vieles behalten, kann deshalb einiges erklären und uns auch das zerfallene Haus der Kuchenbeckers (Annelieses Elternhaus) zeigen. Die Kirche von Seckenburg und ein daneben liegendes Haus sind eingezäunt und werden bewacht. Offenbar hat ein Investor das Gelände in der Absicht gekauft, dort etwas zu unternehmen. Der Umbau zu einem Hotel macht bei uns die Runde. Aber wer in aller Welt, will hier irgendwann mal bernachten? Links von diesem Gelände beginnt die Greituschke oder Kleiner Friedrichsgraben genannt, getrennt von einem Deich von der Gilge, die ich heute zum zweiten Mal sehe. Ein Eintrag im Sterberegister des Kirchenbuches von Alt Lappienen lautet: Jurgis Lunczyns, ein alter Knecht an der Greituschke. Vorher hatte ich zu diesem Eintrag keine Beziehung. Das ändert sich jetzt schlagartig. Ich habe jetzt auch ein Bild von dem Ort an dem er lebte und starb vor meinem Auge. Von der Gilge geht noch ein ruhiger Seitenarm ab, der am Deich kurz hinter der Kirche vorbeigeht. Insgesamt sieht das Gebiet hinter dem Deich sumpfig aus. Trotzdem mache ich mich auf den Weg an das Ufer der Gilge. ich muss doch wenigstens einmal die Hand ins Wasser stecken. überraschender Weise baden dort zwei russische Schönheiten im Wasser. Eigentlich baden sie nicht, sie sitzen im flachen Uferwasser und trinken Bier aus großen Plastikbechern. Irgendwie ein idyllisches Bild und trotzdem morbide, aufgrund der vielen zerfallenen Häuser in Seckenburg. Der Aufenthalt ist kurz, aber auch nicht so kurz, dass man nicht auch noch streiten könnte. Ruth Woldeit legt sich fest, dass ein bestimmtes Gebäude das „Kuchenbecker-Haus“ ist,  obwohl andere Reisende es besser wissen. Dies führt zu einem heftigen Disput, der in der Hitze für den einen oder anderen auch schweißtreibend wirkt. Aus dem Wärterhäuschen am umzäunten Gelände kommt ein neugieriger Wärter, der von einer Mitreisenden ausgefragt wird. Die Antworten sind aber wenig ergiebig. Ich meine er verteilt auch selbstgebrannten Schnaps, bin mir aber nicht sicher. Unser Busfahrer drngelt und hupt: wir wollen schließlich auch noch einen Rundgang durch Tilsit machen und da sind noch ein paar Kilometer zu fahren. Wir fahren über Kussenberg, vorbei an den früheren Orten Neufrost, Isenberg, Gilkendorf, Schnrohr, Ziegelberg, den traurigen Resten von Neukirch und Brittanien nach Heinrichswalde. Ich erspare mir an dieser Stelle die Angabe der heutigen russischen Namen für diese Orte. Dort verlassen uns die Westphals und die Dawideits, die uns an diesem Tag begleitet haben. Und es geht auf dem uns bereits bekannten Weg nach Tilsit. Hier fahren wir bis ins Stadtzentrum und biegen in eine an der Memel liegenden Seitenstraße ein und steigen aus. Unsere Reiseleiterin Tanja ermahnt uns eindringlich, keine Fotos vom Grenzübergang an der Königin-Luise- Brücke zu machen. So werden die Aufnahmen mehr oder weniger aus sicherer Entfernung gemacht. Wir bewundern den erhaltenen Bogen mit dem gusseisernen Konterfei der preußischen Königin und machen uns langsam auf den Weg Richtung Hohe Straße. Wir folgen unserer Reiseleitung im Pulk und bewundern die Entwicklung der Straße hin (zurück) zu einer Flaniermeile. Schöne Alleebäume an den Straßenrändern, dazwischen eine frisch asphaltierte, verkehrsberuhigte Straße. Alte Häuser, nahezu verfallen, stehen in einer Reihe mit frisch renovierten Häusern, deren ursprüngliche Schönheit dadurch wieder erweckt ist. Und auch hier, wie in Heinrichswalde, russische Nachkriegsbauten, die teilweise vom  Anblick schlimmer aussehen, als die alten, noch nicht wieder hergestellten Huser aus deutscher Zeit. Leider fehlen mir die Ortskenntnisse und früheren Besitzverhältnisse, so dass mir einzelne Häuser nichts sagen. Die Litauische Landkirche am Schenkendorfplatz, in die meine Oma ging, existiert nicht mehr und über den ursprünglichen Standort gibt es in der Reisegruppe widersprüchliche Aussagen. Langsam schleichend nähern wir uns dem Hotel, nicht ohne vorher noch ein Gruppenbild mit Tilsiter Elch aufzunehmen. Ziemlich k.o. von dem Tag in ostpreußischer Hitze geht es aufs Zimmer zum Duschen, dann zum Abendessen, was wieder sehr schmackhaft ist und dann ins Bett.                      
Weiter im Text mit dem 6. August 2012

Rauterskirch  (Alt Lappienen; russ.  Bolschije Bereschki  Большие Бережки)

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Reise in die Elchniederung 2012
1.Teil 2.- 5. August 2012

Wappen des Kreises Elchniederung
Die Kirche im Kreisort Heinrichswalde